Solidarität und Gegenangriff - Zur Einstufung von Autistici/Inventati als „Globale Terroristen“



Die US-Sanktionen gegen das Tech-Kollektiv sind ein Angriff auf unsere Strukturen. Unterstützen wir die Betroffenen und verteidigen wir unsere Kommunikationsplattformen!


Einstufung als „Globale Terroristen“

Am 26. August 2026 hat die US-Regierung das linke italienische Tech-Kollektiv Autistici/Inventati mit Sanktionen belegt und als „Globale Terroristen“ eingestuft. Das Amt zur Kontrolle von Auslandsvermögen (OFAC) behauptet, dass es mit der Maßnahme „der wachsenden Bedrohung durch gewalttätige linksradikale Terrorgruppen“ entgegenwirken würde. Die Trump-Regierung begründet die Sanktionen damit, dass das Kollektiv angeblich „spezielle digitale Architektur, Tools und Dienstleistungen für Antifa-Zellen und andere gewalttätige linksradikale Extremisten bereitstellt“. US-Außenminister Marco Rubio erklärte auf X:
 

Far-left terrorism poses a profound threat to the United States and the broader West. Today, the United States sanctioned several transnational far-left terrorist networks, including Autistici/Inventati – a major far-left tech collective whose services are used by the most active and violent Antifa cells in the United States and across the world. There will be no refuge for violent extremists who wage war on our civilization and plot to undermine law and order, destroy critical infrastructure, assault political opponents, or conspire to conceal their crimes from authorities. We will use all the tools and authorities at our disposal to fight terrorism and protect our way of life from terrorist coercion.

Erklärung von Autistici/Inventati

Das Tech-Kollektiv Autistici/Inventati entstand 2001 im Rahmen des G8-Gipfels in Genua und ist u.a. bekannt durch die WordPress-Blogplattfrom noblogs.org auf der auch der Blog https://capulcu.noblogs.org gehostet ist. Daneben stellt das Kollektiv weitere Kommunikationsinfrastruktur in Form von Webseiten, E-Mail, Mailinglisten, Chats, Newsletter etc. für Einzelpersonen und emanzipatorische Gruppen zur Verfügung. In einer ersten Erklärung hat Autistici/Inventati die Vorwürfe zurückgewiesen:

Wir bekräftigen nachdrücklich unser Engagement, eine Plattform mit Werkzeugen zur digitalen Selbstverteidigung bereitzustellen, die dem Bedürfnis nach freier Kommunikation von Aktivist:innen sowie anderen Einzelpersonen, Gruppen und Vereinigungen gerecht wird.

Wir werden nicht nachgeben. Wir werden weiterhin das tun, was wir all die Jahre getan haben. Und wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um den falschen Anschuldigungen einer politisch verzweifelten Regierung entgegenzuwirken. Deren einzige Absicht besteht darin, die Aufmerksamkeit der Menschen und der Medien von ihrer eigenen Gewalt und Kriegstreiberei abzulenken.

Antifaschismus und Antikapitalismus sind kein Terrorismus. Protestieren ist kein Terrorismus. Und jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern und für die Menschlichkeit zu kämpfen.

Die Maßnahme der ultra-rechten US-Regierung ist Teil des (Kultur-)kampfs gegen „die Linke“. Sie knüpft nahtlos an frühere Maßnahmen an wie die Einstufung der „Antifa Ost“ als Terrororganisation im November 2025. In Folge der damaligen Sanktionen kündigte die GLS Bank u.a. der Roten Hilfe und ABC Dresden ihre Konten. Ähnliche Konsequenzen sind nun auch für Autistici/Inventati in Italien zu erwarten. Dazu kommen mögliche weitere wie der Verlust von Domains oder des Zugangs zu Rechenzentren. Erst im Juli hatte US-Außenminister Marco Rubio auf der Ministerkonferenz zum Wiederaufleben des politischen Terrorismus weitere Einstufungen von ausländischen Gruppen als Terrorist:innen angekündigt. Dabei verwies er auch auf den Stromausfall in Berlin und kündigte eine Fortsetzung der Konferenz durch die deutsche Bundesregierung an. Die nun erfolgte Sanktionierung von Autistici/Inventati richtet sich nicht nur gegen das Kollektiv selbst, sondern fügt sich als Puzzleteil ein in einen größeren Angriffs auf soziale Bewegungen, Strukturen und Einzelpersonen weltweit.

Neben dem Versuch der gesellschaftlichen Isolation und Diffamierung linker Strukturen als „gewalttätige Terroristen“ durch die ultra-rechte US-Regierung sehen wir eine weitere Dimension: immer mehr Kommunikation der sozialen Bewegungen hat sich in den letzten Jahren auf die Plattformen großer Tech-Unternehmen verlagert. Ein mutmaßliches Ziel der Maßnahme der US-Regierung ist es, diese Entwicklung weiter voranzutreiben und alternative Kommunikationsplattformen zu zerstören. Wenn soziale Bewegungen statt selbstbetriebener Alternativen wie linksunten.indymedia oder eben noblogs.org die Angebote der großen (US-)Tech-Unternehmen nutzen, machen sie sich ein Stück weit von diesen abhängig. Sie sind dann durch die Algorithmen leichter in ihrer Reichweite zu kontrollieren oder ganz zu zensieren. Es erleichtert Regierungen zudem die Überwachung von Einzelpersonen, Gruppen und Strukturen. Wir verstehen die Maßnahmen als einen Angriff auf freie (öffentliche) oder verschlüsselte Kommunikation widerständiger Gruppen und die daran beteiligten Personen.

Strukturen verteidigen!

Vor über zehn Jahren schrieben wir in der Broschüre Disconnect! in einem Beitrag, der sich u.a. mit dem Betrieb alternativer Kommunikationsplattformen durch Tech-Kollektive wie Autistici/Inventati als Teil des Widerstands gegen den technologischen Angriff befasste, dass sich die verschiedene Ebenen dieses Widerstands ergänzen müssen, um letztlich erfolgreich zu sein:
 

Digitale Selbstverteidigung und Datensparsamkeit reichen jedoch nicht aus, um dem Prozess der Zentralisierung, des allgegenwärtigen Zugriffs und der vollständigen Kontrollierbarkeit auf Dauer zu entgehen. Es besteht die Notwendigkeit, den technologischen Angriff auf die gesamte Gesellschaft auch gesamt-gesellschaftlich zurückzuweisen. Nur so ist es möglich, perspektivisch eine selbstbestimmte Kommunikation aufzubauen. Ziel ist es, Widerstandsformen als breite gesellschaftliche Praxis zu etablieren.

Die leise Hoffnung auf eine „Vermassung“ des Widerstands gegen den technologischen Angriff ist (bisher) von Ausnahmen abgesehen unerfüllt geblieben. Dennoch bleiben wir dabei: So wie eine rein technische Antwort auf den technologischen Angriff notwendig unzureichend bleibt - dann nämlich, wenn etwa Verschlüsselung und alternative Plattformen durch staatliche Regulierung verboten oder durch Hintertüren ausgehebelt werden - so verlangt auch der Angriff auf Tech-Kollektive und unsere Kommunikationsinfrastruktur in Form von Sanktionen und Diffamierung eine politisch gesellschaftliche Antwort: „No pasarán!

Im Fall der Roten Hilfe machte die GLS Bank angesichts der zivilgesellschaftlichen Reaktionen übrigens einen (teilweisen) Rückzieher von den Kontokündigungen. In diesem Sinne lasst uns die Betroffenen unterstützen, die Diffamierungen öffentlich zurückweisen und zum Gegenangriff übergehen. Denn letztlich sind unsere Verschlüsselung, Zeitungen und digitalen Kommunikationsplattformen nur etwas wert, wenn wir sie auch verteidigen und in sozialen Kämpfen einsetzen.