Einordnung von Outcalls und Statements bei G&S



Linkes Kampfsportgym reagiert auf Outcalls mit Leugnen, Täter-Opfer-Umkehr und Einschüchterungen. Das Umfeld trägt alles mit.


Was bisher geschah

Im Februar 2026 warnen mehrere FLINTA* Personen in einem Outcall vor dem linken Kampfsportgym Grapple&Strike in Bremen. Sie benennen  Machtmissbrauch, Manipulation und psychische Gewalt durch einen Trainer, ein Vereinsmitglied und den Inhaber Henning.
Bestärkt durch diesen Schritt wird im Mai 2026 ein zweiter Outcall veröffentlicht, der sexualisierte Gewalt in den 90er Jahren durch Henning offenlegt.

Grapple & Strike ist ein großes Kampfsportgym in Bremen. Es ist professionell aufgestellt und pflegt eine linke Außendarstellung mit Soli-Mitgliedschaften und antifaschistischen Kulturangeboten. Wir selbst machen schon seit Jahren einen großen Bogen um G&S – haben aber gerade deshalb die Outcalls und die Reaktionen von G&S aufmerksam verfolgt. Die massive Abwehr, Umdeutung von Gewalt und Versuche, Betroffene zum Schweigen zu bringen hat uns veranlasst, uns nun selbst zu Wort zu melden. Insbesondere das kürzlich veröffentlichte Urteil über eine ‚Verleumdungsklage‘ gegen eine Betroffene wollen wir nicht unkommentiert lassen.

Aber von vorn.

Es ist Februar. Ein Outcall erscheint auf Indymedia. Dort beschreiben mehrere FLINTA* Personen geteilte Erfahrungen mit einem Vereinsmitglied und einem Trainer. Es wird unter anderem wiederholt die Trainerposition ausgenutzt um intime Beziehungen aufzubauen. Die Betroffenen beschreiben Manipulation, Machtmissbrauch und psychische Gewalt, die sich wiederholen.
Auch beim Inhaber Hennig erkennen die Betroffenen, dass auf Kritik immer gleich reagiert wird. Kritik wird als Angriff gesehen. Es wird eingeschüchtert, erniedrigt und gewaltausübenden Männer in Schutz genommen.

Auf den Outcall im Februar reagiert Grapple & Strike mit einem Statement auf Instagram. In diesen Statements werden eine Vielzahl an Abwehrstrategien angewandt. Die Problematik von wiederkehrendem Machtmissbrauch und Gewalt durch zentrale Personen im Gym werden schlichtweg geleugnet.
Das Statement spricht vielmehr über einen arbeitsrechtlichen Streit mit einer ehemaligen Beschäftigten und von einer “Verheimlichten Beziehung”, mit der die ehemalige Beschäftigte “Absprachen” in dem Gym gebrochen hätte.
Es wird der Eindruck erweckt, es gehe hier um eine Streitsituation.
Die Inhalte des Outcalls werden relativiert und vermeintlich relevante Informationen genannt. (‚Nebelkerzen‘). In dem Outcall ging es jedoch nie im Kern um zwischen-menschliche Streits, sondern um psychische Gewalt, Manipulation und Machtmissbrauch. Es ist ein übliches Abwehrmuster bedient: Gewalt als Konflikt darstellen. Konflikte haben meist mehrere Seiten und geteilte Verantwortung. Bei Gewalt hingegen reicht eine Person, die sich entscheidet Grenzen zu überschreiten. Sie trägt die Verantwortung dafür. Es ist völlig irrelevant, ob nun eine Betroffene eine Beziehung ‘offen’ oder ‘verheimlicht’ führt. Gewalt bleibt Gewalt. Betroffene tragen keine Mitverantwortung, auch wenn G&S das hier suggeriert. (‘Victim-Blaming’).

In dem Statement finden sich noch weitere Abwehrmuster. Kritik wird zurückgespielt, Beziehungsgewalt als etwas Privates betrachtet und man stellt sich selbst als ‘Opfer’ einer ungerechten Kampagne dar. Auch spätere Statements werden diese und mehr Muster wiederholen.

Neben den öffentlichen Statements auf Instagram geht Henning rechtliche Schritte, damit über die Inhalte des Outcalls nicht gesprochen wird. Er veranlasst durch seine Anwältin zivilrechtliche Unterlassungsaufforderungen an zwei ehemalige Beschäftigte von G&S, die er mit dem Outcall in Verbindung bringt. Henning geht noch einen Schritt weiter. Später werden Schreiben der Polizei wegen Ermittlungen zu ‘Übler Nachrede’ folgen. Henning muss folglich Anzeige erstattet haben. 

Es ist Mai. Es wird ein zweiter Outcall veröffentlicht. Dieses Mal geht es nur um den Inhaber von G&S. Der Text beschreibt massive (sexualisierte) Gewalt in den 90er Jahren von Henning gegenüber einer Person, die sich als Pseudonym Florentine nennt.
Im Umfeld von G&S (und leider weit darüber hinaus) wird die Echtheit des Outcalls angezweifelt. Es werden Gerüchte verbreitet, dass der Outcall von Nazis oder dem Verfassungsschutz käme. Oder es wird behauptet, dass der Outcall von einer ehemaligen Angestellten ausgedacht wurde, um dem Gym zu schaden. Ein weitere Reaktion ist es, die Gewalt als ‚zu krass‘, darzustellen: ‘Das könne man sich nicht vorstellen’.

Später folgt ein Schreiben von sechs “Frauen, die Henning (aus Freundschaften und Beziehungen) seit Anfang der 1990er Jahre kennen”.  Sie sprechen von einer ‘Verleumdung’. In dem Schreiben wiederholen sie die Gerüchte, dass Nazis den Outcall verfasst haben, um Henning zu schaden. In dem Text wird betont, dass man selbst mit Henning keine Gewalt erlebt habe. Es wird ausgeschlossen, dass Henning die Gewalt ausgeübt haben könnte.

Es ist Juli. G&S veröffentlicht auf Instagram ein Urteil des Amtsgericht Oldenburg. Henning hat eine Unterlassungsklage gegen die Betroffene aus  dem 2. Outcall gestellt. Wohlgemerkt: die Betroffene, die es vor kurzem laut Henning und Umfeld gar nicht gab. Die Betroffene, die ja vermeintlich ein Nazi oder der VS war. Das Gerichtsverfahren legt aber noch viel mehr offen. Vor Gericht bestätigt Henning, dass er mit ‘Florentine’ eine “Affäre” in den 90er Jahren hatte. Nicht nur ist Florentine eine reale Person, sondern es gibt auch eine ganz konkrete Verbindung zwischen ihr und Henning. Nur die geschilderte Gewalt streitet Henning nun ab.

Das Gericht gibt Hennings Unterlassungsklage statt. Die gewonnene Klage wird nun von G&S genutzt, um zu behaupten, die Vorwürfe der Gewalt seien damit endgültig als Lüge enttarnt. Die Darstellungen von G&S suggerieren, dass mit dem Urteil die Gewaltvorwürfe widerlegt worden sein.

Eine Einordnung des Gerichtsverfahrens:

Das Verfahren vor dem Amtgericht Oldenburg war ein Zivilrechtsverfahren. Für das Gericht ist der Outcall eine “rufschädigende Äußerung”. Wenn Florentine nicht gerichtsfest beweisen kann, dass die Gewalt durch Henning stattgefunden hat, dann darf sie den Text ‘legal’ nicht veröffentlichen. Für das Gericht steht am Ende fest, dass Florentine die Gewalt nicht beweisen kann (was nach 30 Jahren wenig überraschend ist).
Das Gerichtsverfahren dreht sich deshalb vor allem darum, ob es wahrscheinlich ist, dass Florentine den Outcall veröffentlicht oder die Veröffentlichung zumindest geduldet hat. Das Gericht kommt am Ende zu dem Schluss: wahrscheinlich hat Florentine die Veröffentlichung zumindest geduldet. (Auch das ist wenig verwunderlich).
Für uns ist die Frage nach Beweisen vor Gericht wenig relevant. Und es interessiert uns auch nicht, ob das deutsche Recht einen Outcall über sexualisierte Gewalt auf Indymedia für richtig hält.
Für uns ist vielmehr relevant, dass Florentine ihre gewählte Anonymität genommen und dem Gerichtsprozess ausgesetzt wurde, als auch ein hohe Summe an Gerichts- und Anwaltskosten zu tragen hat. Auch die Anwaltskosten von Henning.

Henning Veröffentlicht das Urteil auf Instagram. Es wird die Autorität von Gerichtsurteilen genutzt, um seinen zahlenden Mitgliedern, Geschäftspartner*innen und Netzwerken den Eindruck einer Klärung zu vermitteln. Gleichzeitig wird dabei nur das wiederholt, was der eigenen Position nutzt und keine Gelegenheit verpasst, um weitere Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Betroffenen zu sähen.

Es ist eine bewusste Falschdarstellung von G&S, dass das Urteil etwas beweisen würde. Es ist ein rechtlicher Vorgang, der Persönlichkeitsrechte schützt und keinesfalls darauf ausgelegt ist, die Gewaltvorwürfe aufzuklären.
Das Vorgehen von Henning gliedert sich damit in einen breiteren Kontext ein. Verleumdungs- und Unterlassungsklagen vor Zivilgerichten werden  häufig von Tätern genutzt, die in der Öffentlichkeit stehen oder zumindest von einer breiteren Öffentlichkeit abhängig sind. Sie nutzen Zivilgerichte um Betroffene vom öffentlichen sprechen abzuhalten. Darüber hinaus schüchtern diese Prozesse ein, rauben Zeit und verursachen hohe Kosten. Dabei verlassen sich Täter auf das patriarchale Geschlechterverhältnis, dass sie rechtlich, finanziell und kulturell privilegiert. Es sind nicht nur unzureichende Gesetze und Sexismus vor Gericht, sondern auch Vergewaltigungsmythen, die subtil und konstant aussortieren, wen wir uns als Täter vorstellen können. 

Doch nicht nur Täter wissen um dieses System, sondern auch Betroffene. In der Öffentlichkeit zu sprechen ist mit vielen Hürden und Konsequenzen für Betroffene verbunden. Dabei gibt es immer die Gefahr vor Gericht zu landen. Juristische Verfahren bedeuten selten Schutz, sondern häufig neue Verletzungen. Wiederholte Konfrontationen mit den Tätern, mühsame Beweisroutinen und ein strukturelles Misstrauen bringt Betroffene dazu, ihr Erlebtes immer wieder gegen unausgesprochenen Zweifel zu erklären.

Warum schreiben wir das alles?

Es ist wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, warum feministische Bewegungen die Haltungen von Definitionsmacht und Parteilichkeit (gegen inner-linken Widerstand) erkämpft haben. Sie sind kein Ersatz für eine Strafgerichtsbarkeit oder Beweisführung. Parteilichkeit ist eine bewusste feministische Haltung um Betroffene zu stärken, in einem System, dass ihnen permanent ihre Sichtweise und Glaubwürdigkeit abspricht. Definitionsmacht ist ein Prinzip, dass gegen die ständigen Versuche der Umdeutung von Gewalt schützen soll.  

Wir finden es schockierend, mit welcher Selbstverständlichkeit und Vehemenz G&S in ihren Statements Zweifel an den Outcalls sähen, die Themen verdrehen und Betroffene einschüchtern. In den Statements von G&S werden misogyne Erzählungen von rachsüchtigen Frauen eingestreut und Partnerschaftsgewalt ins Private verschoben. Dazu kommen Fehl- und Falschinformationen in ihren Statements, die zusätzlich Verwirrung schaffen. Sie bedienen sich Anwälten, Polizei und Gerichten, um Betroffene und solidarische Menschen einzuschüchtern.

Noch schockierender ist es, wie das Umfeld von G&S dieses Verhalten mitträgt. Wir sind wütend, wie Betroffene erneut allein gelassen werden und ein Klima der Angst entsteht. Dieses Verhalten wird unseren linken Zusammenhängen auf Jahre erheblichen Schaden zufügen und es Betroffenen zusätzlich erschweren, sich zu Wort zu melden.

Wir gehen nicht davon aus, dass Henning und sein enges Umfeld mit ihrem manipulativen Verhalten aufhören werden. Umso wichtiger ist es, dass Menschen sich kritisch mit dem Verhalten seines Umfeldes und den Statements von G&S auseinandersetzen. Hört genau hin! Stellt Nachfragen! Lasst euch nicht verarschen!  

An die Betroffenen: Ihr seid nicht allein. Wir hören euch. Und stehen an eurer Seite.

Solidarische Menschen in Bremen.