Extrem rechte Perspektiven auf Künstliche Intelligenz (Teil I + II)



Auffällig ist, dass der extrem rechte Diskurs über Künstliche Intelligenz in vielen Punkten sehr nah an breiteren gesellschaftlichen Debatten liegt.


Extrem rechte Perspektiven auf Künstliche Intelligenz – Teil I

Die Veröffentlichung von ChatGPT hat Ende 2022 einen Hype um Künstliche Intelligenz (KI) ausgelöst. KI-Technologie wird mittlerweile von vielen Menschen genutzt, sie findet sich in Suchmaschinen, dem Finanzwesen, der Personalführung, dem Bildungssektor, der Medizin und auch der Kriegsführung wieder. Die vorliegende Ausgabe widmet sich dem gesellschaftlichen Diskurs über die Chancen und Risiken von KI sowie den Perspektiven der extrem rechten Medienlandschaft.
In die Betrachtung eingeflossen sind die Ausgaben (und Sonderhefte) der letzten zwei Jahre von Compact, Junge Freiheit, N.S. Heute, Zuerst!, Sezession, Krautzone und Volk in Bewegung sowie ein Podcast des Jungeuropa Verlags.

In den 1950er Jahren prägte der amerikanische Informatiker John McCarthy den Ausdruck Künstliche Intelligenz. Seine Verwendung ist jedoch umstritten, da er als irreführend, vereinfachend und politisch aufgeladen gilt. Insbesondere das Wort »Intelligenz« legt nahe, Maschinen verfügten über eine reale Einsicht oder Vernunft. KI-Anwendungen »verstehen« jedoch nicht im eigentlichen Sinne, sondern verarbeiten und analysieren Daten. Der Begriff kann technische Systeme überhöhen, Unterschiede verschleiern und letztlich auch bestehende Machtstrukturen festigen.

In der öffentlichen Debatte um die Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren von KI spielen wiederkehrende Narrative eine herausragende Rolle:

  1.  
    1. KI wird oft als menschenähnlicher Akteur dargestellt, was zu überzogenen Zukunftsvisionen führt. Dies zeigt sich etwa in der Debatte um eine mögliche »Artificial General Intelligence« (AGI), einer Art Superintelligenz, die nicht nur einzelne Aufgaben lösen können soll, sondern wie ein Mensch denken, lernen und sich weiterentwickeln. Charakteristisch für den öffentlichen Hype um KI, so der Philosoph und Mathematiker Rainer Mühlhoff, sei ein »schrilles Wechselspiel«[1] zwischen apokalyptischen Vorstellungen (Auslöschung der Menschheit durch AGI) und Heilsphantasien.
    2. Der auf die Zukunft gerichtete Fokus (Longtermismus) lenkt von aktuellen gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen ab: KI-Systeme beeinflussen bereits heute gesellschaftliche Strukturen; die auf Wahrscheinlichkeiten statt Einzelfallprüfungen basierende Verfahrensweise kann Ungleichbehandlungen und Diskriminierung verstärken.
    3. Eine Politik, die an rein technische Lösungen zur Überwindung gesellschaftlicher Missstände glaubt (Solutionismus), umgeht demokratische und soziale Aushandlungsprozesse ebenso wie strukturelle Reformen und verhilft KI-Unternehmen zum Ausbau ihrer Machtposition.[2] Die Folge ist eine Machtverschiebung weg von demokratischen Institutionen hin zu privatwirtschaftlichen Akteuren. Mühlhoff warnt, dass dies zu einer gefährlichen Verbindung staatlicher und technologischer Macht führen kann – mit dem Ergebnis, dass sich antirechtsstaatliche Verfahren, die auf automatisiertem Ein- oder Ausschluss, Bevorzugung oder Benachteiligung von Menschen durch KI-Systeme beruhen und die Wirtschaftsinteressen der KI-Industrie gegenseitig verstärken.[3]

Entsprechende Tendenzen lassen sich während der zweiten Amtszeit Donald Trumps beobachten. Dessen Politik der Deregulierung überschneidet sich mit den Interessen der sogenannten Cyberlibertären des Silicon Valley.[4] Wie gefährlich diese Verbindung ist, zeigt die Übernahme zentraler Regierungsaufgaben durch Elon Musk 2025: Das von ihm kurzzeitig geleitete neue Departement DOGE betrieb einen radikalen Bürokratieabbau und übernahm die Kontrolle über weitere Behörden, bei denen unter der Maßgabe eines Spargebots zahllose Dokumente mit Diversity-Kontext verändert oder gelöscht wurden, auch solche, die qua Gesetz den National Archives hätten übergeben werden müssen.[5]

Auch auf internationaler Ebene wird KI strategisch eingesetzt: Während China die Technologie nutzt, um globale Stimmungen zu analysieren und mögliche Krisen frühzeitig zu erkennen, verwendet Russland sie für Desinformationskampagnen. Bei der »Operation Overload« beispielsweise wurden massenhaft KI-generierte Fake News verbreitet, deren Umfang nachweislich um bis zu 155 Prozent zunahm.[6]]

KI und der Wandel der Öffentlichkeit

Künstliche Intelligenz verändert die Informationslandschaft insbesondere auf Sozialen Plattformen grundlegend. Der Anteil synthetischer Inhalte steigt weltweit stark an. So enthält rund ein Viertel der Top-Suchergebnisse auf TikTok KI-generierte Bilder.[7] Monetarisierungsprogramme der Plattformen begünstigen sogenannte »Content Farms«, die massenhaft emotionale und schematisch ähnliche Inhalte produzieren.[8] Welche Folgen das haben kann, zeigte sich zuletzt bei der Verbreitung KI-generierter Bilder von Konzentrationslagern, die historische Ereignisse verfälschten und gezielt für hohe Klickzahlen instrumentalisierten.[9]

Neben kommerziellen Interessen ermöglichen KI-Anwendungen auch neue Wege politischer Propaganda. Insbesondere die AfD setzt auf KI-generierte Inhalte.[10] Die Technologie erleichtert es, den Informationsraum gezielt zu »überfluten« und das Vertrauen in Fakten und Wissenschaft zu zerstören. Ein prominentes Beispiel ist die »Flood the Zone«-Taktik des früheren Trump-Beraters Steve Bannon: Mit KI erhält diese Idee nun eine nie dagewesene Reichweite und Geschwindigkeit.

Künstliche Intelligenz in der extrem rechten Publizistik

In extrem rechten Periodika ist Künstliche Intelligenz ein zunehmendes Thema. Die Mehrzahl der Artikel lässt sich drei Themenkomplexen zuordnen: Erstens wird KI als politisches Werkzeug diskutiert und der Frage nachgegangen, ob ihr Nutzen – dazu zählt vor allem die intensive Verbreitung eigener Inhalte – mögliche negative Auswirkungen auf die Gesellschaft überwiegen würde. Ein weiteres Narrativ begreift Künstliche Intelligenz zuallererst als gesellschaftliche Bedrohung: Darunter fallen sowohl Meinungsbeiträge, die sich an wissenschaftlichen Debatten orientieren, etwa in der Jungen Freiheit oder der Sezession, als auch emotionalisierende und verschwörungsideologisch aufgeladene Artikel, wie sie etwa im Compact-Magazin zu finden sind. Ein dritter Themenblock widmet sich der Wirtschaft, den Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und der Rolle Deutschlands.

Prototypische Beispiele rechter KI-Ästhetik, digital und Print: N.S. Heute, Wilhelm Kachel und AfD (Instagram).

»Auf zu den Sternen« – KI und Wirtschaft

Der Fokus der internationalen Debatte zur Entwicklung von KI hat sich in den vergangenen Jahren verschoben, weg von Fragen der Regulierung hin zu einem nationalstaatlichen Wettbewerb um Investitionen. Dies zeigen u.a. die Ergebnisse der globalen, jährlich stattfindenden KI-Gipfel.[11]

In der nationalkonservativen Wochenzeitung Junge Freiheit (JF) wird betont, dass Deutschland mehr in KI investieren müsse, um im Wettbewerb mit den USA und China nicht zurückzufallen. Verschiedene Artikel fordern im Einklang mit großen Branchenverbänden wie Bitkom, dass es weniger Regularien für die Entwicklung von KI brauche, da man sonst im internationalen Wettbewerb nicht mithalten könne. Markus Brandstetter plädiert für den Aufbau einer KI-Industrie in Deutschland. Trotz bestehender Risiken, die nicht weiter ausgeführt werden, gäbe es damit das Potenzial, »die wirtschaftliche Bedeutung der Automobilindustrie [zu] ersetzen«. Neue Arbeitsplätze, die Möglichkeit, eine Vorreiterrolle zu übernehmen und die Diversifizierung der deutschen Wirtschaft seien möglich – allerdings würden regulatorische Anforderungen im Datenschutz und mangelnde Investitionen diesen Prozess derzeit bremsen. (03/2025) Ähnliche Befürchtungen äußert Christian Schreiber: Problematisch sei, dass durch den Verzicht weitreichender Regularien in den USA deutsche Unternehmen lieber mit US-Unternehmen kooperierten, weil diese schneller und pragmatischer seien. Technologiepolitik, so der Autor, müsse in Deutschland daher endlich zum zentralen Themenfeld werden. (23/2025) Benedikt Rueß fordert in Anspielung auf das US-amerikanische Stargate-Projekt unter dem Titel »Auf zu den Sternen« einen »echten Aufbruch«: Es brauche radikale Verschlankungen des Bürokratieapparats in Brüssel und Berlin, Kürzungen des Sozialstaats zugunsten von Forschung und Entwicklung und eine Rückkehr zur Atomenergie, um genügend Rechenleistung aufbringen zu können. Bedenken, so der Tenor in der JF, seien anlässlich des Standortwettbewerbs nachrangig – es gelte, jetzt unbürokratisch zu investieren und langwierige Genehmigungsverfahren durch vereinfachte Lösungen zu ersetzen.

Das seit 2017 erscheinende rechtslibertäre Magazin Krautzone[12] sieht eine »KI-Goldgräberstimmung«. (01/2026) Neben großen Erwartungen warnen die Autoren[13] jedoch auch vor einer IT-Blase. Sollte diese platzen, dürften die wirtschaftlichen Folgen deutlich schwerer abzufedern sein als in früheren Technologiekrisen. Die Artikel der Ausgabe mit dem Titelthema »KI – Wenn Maschinen denken« verweisen sowohl auf Chancen als auch auf Risiken, wobei der Ton insgesamt eher optimistisch ist und den neuen Technologien eine enorme Umbruchskraft attestiert wird. In zwei Leitartikeln diskutieren die beiden Chefredakteure und Geschäftsführer Hannes Plenge (Pro) und Florian Müller (Contra) die Auswirkungen eines zunehmenden Einsatzes von Robotern in der Arbeitswelt. Plenge argumentiert, dass so mehr Freizeit möglich sei. Diese Argumentation wird durch den Bezug zur Fluchtdebatte von 2015/2016 ideologisch aufgeladen: »Ähnlich wie erst die ›Flüchtlingskrise‹ zu einer stärkeren Bewusstseinswerdung des Eigenen und vielen neuen nationalen Bewegungen geführt hat, könnte die technologische Revolution durch KI zu einer Rückbesinnung auf den Menschen und seine Natur führen.« Müller hingegen warnt vor massiven Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Viele Berufe würden verschwinden, ein Wechsel in neue Tätigkeiten sei für die meisten jedoch unrealistisch – so könne »eine arbeitslos gewordene Kassiererin […] nicht übermorgen als KI-Beraterin anfangen«. Als Konsequenz massenhafter Arbeitslosigkeit befürchtet er eine radikale linke Umverteilungspolitik mit extrem hohen Steuersätzen: »Linke Politik als Reaktion – und linke Politik auf Speed. Unter Beibehaltung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts werden sich unvorstellbare Plünderungsorgien einstellen, die die berühmte ›Schere zwischen Arm und Reich‹ versuchen werden zu schließen.«

Mit Technik gegen die Technisierung

Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt beschäftigen auch den identitären Strategen Martin Sellner. In der neurechten Sezession skizziert er vage eine rechte Technopolitik und verbindet darin völkische Positionen mit technologiekritischen Perspektiven. (128/2025) Ausgangspunkt seiner Ausführungen ist die naheliegende Annahme, dass auch zahlreiche Berufe im Bereich der Wissensproduktion betroffen sein werden, was zu einer Art Neo-Luddismus, einer modernen Form der Maschinenstürmerei führen könnte: »Ein neuer Luddismus könnte klüger, kreativer und besser vernetzt sein. Denn nicht metapolitisch machtlose Facharbeiter geraten heute in die Mühlen der Rationalisierung, sondern hochgebildete, gut vernetzte und kulturell produktive Menschen. […] Der Widerstand von Neoludditen mit Bachelorabschluß könnte radikale Formen annehmen: Digitale Sabotageakte wie die gezielte Verzerrung von KI-Trainingsdaten, Infiltration von KI-Unternehmen und gewalttätiger Aktionismus im Stil radikaler Tier- und Umweltschützer sind vorstellbar.«

Mit der international zunehmenden Sorge vieler Menschen bezüglich der Entwicklung von KI[14] hat sich insbesondere in den USA eine luddistische Bewegung herausgebildet. Diese organisiert Lesekreise, Spaziergänge und Protestaktionen, etwa gegen den Bau großer Rechenzentren.[15] Vereinzelte gewalttätige Aktionen richteten sich etwa gegen den Gründer von OpenAI, Sam Altmann.[16] Der Neo-Luddismus vereint ganz unterschiedliche politische Spektren. Ein prominenter Bezugspunkt ist der Text »Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft« aus dem Jahr 1995 von Ted Kaczynski.[17] Der als Una-Bomber bekannt gewordene Mathematiker hatte zwischen 1978 und 1995 in den USA 16 Paketbomben verschickt, um auf die Gefahren durch Technisierung aufmerksam zu machen. Dabei wurden drei Menschen getötet und 23 verletzt. Kaczynski sah das »industriell-technologische System« als eine gefährliche, selbstverstärkende Macht, die Menschen immer stärker anpasst, kontrolliert und von der Natur entfremdet. Dennoch plädierte er dafür, dass »Revolutionäre« moderne Technik nutzen, um das technologische System zu bekämpfen.

Ähnlich sieht es heute Martin Sellner. Die Rechte solle sich zwar prominent gegen Künstliche Intelligenz wenden, diese aber dennoch nutzen, da andernfalls ihre politische Bedeutungslosigkeit drohe. In seiner regelmäßigen Kolumne für das verschwörungsideologisch geprägte Compact-Magazin skizziert er KI-Technologie als unaufhaltsame »Kriegs- und Machtmaschine«, durch die »Massenmanipulation und Meinungskontrolle […] kinderleicht« werden könnten. (07/2025) »Auf Knopfdruck [ließe sich] das Netz mit maßgeschneiderten Informationen fluten«. Diese Idee erinnert an Steve Bannons »Flood-the-Zone«-Strategie. Sellners Beitrag »Mit KI zum Sieg!« stellt eine der wenigen Stimmen zum Thema in Compact dar, die KI (notgedrungen) als Chance begreifen. Der luddistischen Bewegung fehle es hingegen an einem mobilisierenden Mythos, weshalb sich die identitäre Rechte hier einmal mehr als Speerspitze begreifen und darin eigene Akzente setzen sollte. Worin der mobilisierende Mythos bestehen sollte, ist mit Blick auf den Autor leicht zu erraten. So gehe die Einhegung der Technik »Hand in Hand mit einem Kampf gegen die Ersetzungsmigration. Als Phänomen der Entwurzelung, der Entfremdung und der Mobilmachung ist der Bevölkerungsaustausch untrennbar mit der Technosphäre verbunden.« (Sezession 128/2025) Der Widerspruch zwischen mobilisierender Technologiekritik und dem gleichzeitigen Aufruf zur Nutzung von KI entspricht einem strategischen Opportunismus, der für Sellner charakteristisch ist.

Cyberlibertarismus und völkische Politik

Auf den ersten Blick bestehen deutliche Gegensätze zwischen cyberlibertären Ideen und völkischen Ideologien: Während Tech-Libertäre »nach den Sternen greifen«, ziehen sich die Völkischen auf die »eigene Scholle« zurück, so der Journalist Thomas Assheuer.[18] Beide teilten zwar die Ablehnung des »alten Systems«, verfolgten jedoch unterschiedliche Ziele: Die Cyberlibertären wollen den Staat radikal minimieren, die völkische Rechte ihn neu aufbauen. Assheuer zeigt auf, dass sich die Verbindung von hypermoderner Technik und völkischem Denken ideengeschichtlich bereits bei Ernst Jünger finden lässt – und damit bei einer wichtigen Referenz der Neuen Rechten. In seiner Programmschrift »Der Arbeiter« entwarf Jünger die Vision einer Hypermoderne mit dem Ziel einer »Verschmelzung von Mensch, Mythos und Maschine« und der Überwindung des Liberalismus durch die »totale Mobilmachung« der Technik. Diese Motive – Technikbegeisterung, Anti-Liberalismus, Beschleunigungsdenken (Akzelerationismus) – finden sich auch bei Cyberlibertären wie Peter Thiel, Marc Andreessen oder Elon Musk. Trotz dieser ideologischen Gemeinsamkeiten wird in einigen Zeitschriftenbeiträgen deutlich, dass die rechte Zusammenarbeit mit den ›Tech-Bros‹ seine Grenzen hat, nicht zuletzt da deren Machtstellung auch hier mit Sorge gesehen wird. Zentraler sei es, so etwa Martin Sellner, eigene Macht aufzubauen.

  1.  Vgl. Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus, Stuttgart 2025, S. 59.
  2.  Vgl. ebd., S. 67.
  3.  Vgl. ebd., S. 139.
  4.  Zum Einfluss der Cyberlibertären auf die US-Politik siehe auch Jan Rathje (2025): Cyberlibertarismus als Problem für liberale Demokratien. Online unter: cemas.io [14.04.2026].
  5.  Vgl. Mühlhoff, S. 8f.
  6.  Vgl. CheckFirst (2025): Operation Overload: More Platforms, New Techniques, Powered by AI. Online unter: checkfirst.network [14.04.2026
  7.  Vgl. AI Forensics (2025): AI Generated Algorithmic Virality. Online unter: AI Forensics [14.04.2026].
  8.  Vgl. Julia Smirnova (2026): KI-Desinformation auf TikTok. Angriffe zielen auf die Bundesregierung. Online unter: [cemas.io](http://KI-Desinformation auf TikTok. Angriffe zielen auf die Bundesregierung) [14.04.2026].
  9.  Das Netzwerk »Digital History and Memory« reagierte darauf mit einem offenen Brief, in dem die Betreiber*innen sozialer Plattformen zu einem konsequenten Vorgehen gegen KI-generierte Holocaust-Verfälschungen aufgefordert werden. Online unter: gedenkstaettenforum.de [14.04.2026].
  10.  Vgl. Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. (Hrsg.): KI und Wahlen. Neue Dynamiken der digitalen Demokratie in Deutschland, Berlin 2024. Online unter: kas.de
  11.  Seit 2023 finden jährlich internationale KI-Gipfel statt. Auftakt war der »AI Safety Summit« in Großbritannien, wo es vorrangig noch darum gegangen war, durch internationale Zusammenarbeit eine »verantwortungsbewusste, vertrauenswürdige und menschenzentrierte Entwicklung« von KI sicherzustellen. In den Nachfolgejahren waren Südkorea, Frankreich und Indien die Gastgeber, 2027 wird der Gipfel in der Schweiz stattfinden.
  12.  Das Magazin veröffentlicht seit 2017 im zweimonatlichen Rhythmus. Im Spannungsfeld zwischen Jungkonservatismus und rechtslibertärem Milieu arbeiten sich die Artikel an klassischen rechten Feindbildern ab. Vgl. Gina Bartali/Damian Ott: Krautzone. Antifeminismus, Neoliberalismus und Faschismus vereint? Online unter: antifaschistisches-archiv.org [14.04.2026].
  13.  Alle in unsere Analyse integrierten Artikel rechter Periodika wurden von Männern verfasst, weshalb hier und nachfolgend nur von »Autoren« die Rede ist.
  14.  Das US-amerikanische PEW Research Center führte 2025 in 25 Ländern Befragungen zum Thema durch. Die Mehrzahl der Befragten gab an, dass sie eher besorgt als begeistert auf die zunehmende Bedeutung Künstlicher Intelligenz im Alltag blicken.
  15.  Vgl. Lukas Hermsmeier: Rage against the machine, Zeit Online vom 03.12.2025 [20.04.2026].
  16.  Im April 2026 schleuderte ein Mann einen Molotow-Cocktail auf das Haus von OpenAI-Gründer Sam Altmann in San Francisco und wurde anschließend mit einem Kanister Kerosin vor dem Hauptquartier von OpenAI festgenommen. Laut Medienberichten trug er ein »Manifest« bei sich, in dem zu Gewalt gegen KI-Entwickler*innen aufgerufen wird.
  17.  Vgl. Charles Homans: The Strange, Post-Partisan Popularity of the Unabomber, New York Times vom 22.03.2025 [20.04.2026].
  18.  Thomas Assheuer: Faschismus als Endsieg der Evolution? Ernst Jünger als Stichwortgeber der Cyberlibertären, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 12/2025, S. 51.

Teil II

Niedergang der Demokratie und Verlust des Realen

Zwar dominieren in der Jungen Freiheit Artikel, die KI trotz aller Risiken zuerst als wirtschaftliche Chance begreifen, vereinzelt gibt es jedoch auch Stimmen, die gesamtgesellschaftliche Auswirkungen im Blick haben. Hierzu zählt der Beitrag »Technik die entgeistert« von Felix Dirsch. Der Autor äußert die These, dass die fortschreitende Digitalisierung, die Entwicklung intelligenter Maschinen und eine Verlagerung des Politischen ins Virtuelle letztlich zum Ende von Demokratie und Liberalismus führen werden. (15/2025)

Dieser Aspekt treibt auch Martin Lichtmesz (bürgerlich: Semlitsch) um. Für die Sezession kommentiert er hin und wieder aktuelle Debatten rund um KI, wenn auch zähneknirschend, da ihm das Thema »in der Regel schlechte Laune« bereite und ihm »normalerweise physisch schlecht« werde von »KI-Produkten in Wort und Bild«. Lichtmesz Ausführungen stehen stellvertretend für die rar gesäten Stimmen in der extremen Rechten, die generative KI ablehnen. Diese Welt sei geradezu dämonisch, da »die Imitation der Wirklichkeit […] bereits jetzt einen äußerst verstörenden Grad erreicht« habe. (sezession.de, 22.04.2024) Hinzu komme die Entwertung der Kunst durch »eine Mega-Inflation von Bildern, Worten und Tönen, hinter denen kein Mensch, kein Schöpfer mehr steht«. Den künstlich generierten Bildern aus »greller Überperfektion« fehle »das Element der Anstrengung, des Leidens, des tatsächlichen Könnens«, weil sie »errechnete, maschinelle Serienprodukte sind, selbst wenn sie von einem Gestalter individuell modelliert werden«.

Kunst und Propaganda

Eine Gegenposition vertritt Alexander ›Malenki‹ Kleine, dessen Firma Tannwald Media die weit verbreiteten Memes des Social-Media-Accounts Wilhelm Kachel verantwortet. Ihre Ästhetik erinnert an NS-Propaganda: Blonde, stereotyp aussehende junge Frauen und muskulöse Männer, dazu ein plakativer Slogan. Neben Wilhelm Kachel steckt Tannwald Media auch hinter dem noch recht jungen KI-Projekt Grimbart Studio, das Comichefte und KI-generierte kurze Filmchen zu historischen Narrativen verbreitet, und das offensichtlich mit Erfolg: Das 2025 begonnene Projekt hat auf Instagram mit 30.000 Follower*innen bereits jetzt mehr Zuspruch als Wilhelm Kachel. Die von Grimbart porträtierten Helden, so die Selbstdarstellung, seien »Menschen aus Fleisch und Blut, die Mut, Treue und Tatkraft verkörpern. Damit machen wir Vergangenheit greifbar und eröffnen neue Perspektiven für Gegenwart und Zukunft.«

Dieser Ansatz wird prominent auch von der Identitären Bewegung, aus deren Reihen Kleine kommt, für mobilisierende Zwecke verfolgt.[1] Kleine hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Im Bundestagswahlkampf 2025 produzierte Tannwald Media KI-Wahlwerbung für die AfD.

In Krautzone wirbt Kleine für den politischen Einsatz generativer KI[2] als praktischem Hilfsmittel für Alle mit wenigen Ressourcen. Gerade politische Inhalte müssten nicht ästhetisch hochwertig sein: »Politische Kommunikation ist keine Hochkultur, sondern Wegwerfkunst. Sie muss nicht museal sein, sie muss wirken. Propaganda lebt von Geschwindigkeit, Wiederholung und Omnipräsenz.« (01/2026) In diesem Sinne wirke KI als »Muskelprotz« und diene der »Steigerung der Produktivität«. Tannwald Media ist ein prägnantes Beispiel für den Einsatz generativer KI durch extrem rechte Medienaktivisten, wobei sowohl massentaugliche Propaganda (Wilhelm Kachel) als auch jugendkulturell verarbeitete, identitäre Erzählungen (Grimbart) verbreitet werden.

Das neonazistische Magazin N.S. Heute druckte indes ein Interview mit dem eher unbedeutenden Projekt Basierte Kunst, das ebenfalls Memes produziert. (43/2024) KI wird auch hier als legitimes und fortschrittliches Werkzeug künstlerischer Tätigkeit dargestellt, das die Arbeit erleichtere, neue Freiräume schaffe und dem politischen Aktivismus diene. Während Basierte Kunst seine Bilder als »Kunst 3.0« versteht, da sie auf eigenen Ideen, Entscheidungen und Vorgaben beruhten, sind sich viele Autoren der rechten Publizistik, egal ob Befürworter oder Gegner, darin einig, dass durch KI hergestellte Musik, Bilder oder Filme qualitativ meist nicht besonders anspruchsvoll sind.

Philip Stein, Volker Zierke und Michael Schäfer (Hydra Verlag) monieren im Podcast des auf faschistische Literatur spezialisierten Jungeuropa Verlags zum Thema »Kunst und KI«, dass die Menschen dadurch immer mehr verblödeten und die Künstler von morgen ›kaputt gemacht‹ würden.

Hannes Plenge bezeichnet die massenhafte Verbreitung solcher Inhalte in Krautzone als »Berieselung«, sieht die Entwicklung jedoch in einem größeren Zusammenhang: »Durch die KI wird lediglich ein Trend fortgesetzt, der schon lange anhält und den modernen Menschen in seiner ganzen Würdelosigkeit bloßstellt. Die Kunst ist tot, und KI ist lediglich die konsequente Fortführung dieser Entwicklung.« (01/2026) Dennoch hält Plenge es mit Sellner, denn der Nutzen der Technik für die politische Mobilisierung sei immens: »Solange wir als Vorreiter der KI-Revolution agieren und die neue Technologie in unserem eigenen Sinne zu nutzen wissen, ergeben sich schier ungeahnte Möglichkeiten.« Auch in N.S. Heute wird diese Perspektive vertreten. Andreas Hörnlein, regelmäßiger Autor der Rubrik Weltanschauung, hebt hervor, dass insbesondere in der Memekultur Rechte »keine andere Wahl« hätten als den Anschluss zu behalten, um die Jugend zu erreichen und »im Alltag sichtbare Propaganda zu schaffen«. (48/2025)

Wie sich die Rechte positionieren sollte, wurde in der Jungen Freiheit diskutiert. Der Auftakt kam von Julian Islinger, der in seinem Artikel »Das dröhnende Schweigen der Rechten zur KI« eine mangelnde Auseinandersetzung mit dem Thema beklagte. (28/2025) Zwar nutze die Rechte das Internet als »effektive Spielwiese«, um ihre Positionen »ohne Umwege und Zensur unter das Volk zu bringen«. Sie reflektiere dabei jedoch den Charakter von KI nicht, diese sei »ein schäbiger Dieb, ein betrügerischer Krämer, ein Instrument der Vermassung und darüber hinaus ohne jeden prometheischen oder transzendentalen Funken«.

Michael Wiesberg plädiert in der darauffolgenden Ausgabe für einen »differenzierten rechtskonservativen Umgang mit KI – jenseits von Verfallsdiagnosen, Technikverachtung und fruchtlosem Kulturpessimismus«. (29/2025) Wiesberg befasst sich seit Jahren mit dem Thema, unter anderem auch in der Sezession. In Reaktion auf Islingers »Polemik« verweist er in der JF auf mögliche Fortschritte durch KI. Dazu zähle etwa der Zugewinn von Ausdrucksmöglichkeiten für Menschen »ohne Zugang zu künstlerischer Bildung, mit körperlichen Einschränkungen oder aus ökonomisch benachteiligten Regionen«, also »Teilhabe, nicht Dekadenz«. Auch Felix Dirsch plädiert in der JF dafür, sich des Themas anzunehmen: »Keine relevante politische Strömung kann technische Mittel grundsätzlich vernachlässigen, auch Konservative nicht, die sich anfangs gern ablehnend verhalten, später aber öfter akzeptieren.« (47/2025)

KI als »woker Kulturkampf«

Selbst aus den Beiträgen zu Künstlicher Intelligenz ist das rechte Dauerthema vermeintlicher Meinungs- und Sprechverbote nicht wegzudenken. Diskutiert wird, wie KI-Chatbots Inhalte generieren oder blockieren, wobei sich eine ›linke Meinungsdiktatur‹ auf die Ergebnisse niederschlage. Reinhold Krug, regelmäßiger Autor der Zuerst! meint: »Politisch unerwünschte Ergebnisse – etwa zu Fragen der Zeitgeschichte, Biologie oder zu Corona – sollen um jeden Preis verhindert werden.« (03/2024) Laut Krug würden KI-Bildgeneratoren »Europäer« oder »weiße Menschen« ebenso wenig darstellen wie Abbildungen von NS-Architektur oder bestimmte Kriegsszenen aus dem Zweiten Weltkrieg, während »kommunistische Propaganda« uneingeschränkt möglich sei. Ergänzt wird dies durch Kai-Uwe Reiters Behauptung in Compact, dass Entwickler rechte Inhalte blockierten, da sich diese sonst als wahr erweisen und das aktuelle linke »Lügengebäude« aufgedeckt würde. (07/2025) Gil Barkei blickt in der Jungen Freiheit sorgenvoll auf den Programmierprozess, der die Ergebnisse zugunsten eines »woken Kulturkampfes« verzerre: »Aus Sicht rechtskonservativer Alternativmedien birgt das die Gefahr, die Roboter könnten noch linksliberal einseitiger als ihre menschlichen Übungsleiter werden. Denn was bekommt man wohl, wenn man eine KI mit Mainstreammaterial füttert? Richtig, eine Mainstream-KI!« (13/2014)

Selbst aus den Beiträgen zu Künstlicher Intelligenz ist das rechte Dauerthema vermeintlicher Meinungs- und Sprechverbote nicht wegzudenken.

Besonders deutlich zeigt sich die dogmatische Zuspitzung in inszenierten ›Interviews‹ mit Chatbots, die mit suggestiven, ideologisch aufgeladenen Fragen konfrontiert werden. Das neonazistische Magazin Volk in Bewegung druckte Auszüge eines ›Interviews‹ Ken Jebsens mit dem Sprachmodell Grok zu der Frage, über was nicht negativ berichtet werden dürfe. Die angebliche Antwort enthält zentrale extrem rechte Narrative wie Holocaust-Leugnung, Transgender-Debatten, Impfkampagnen, sowie Berichterstattung über Israel und verschwörungsideologisch aufgeladene historische Ereignisse. (05/2025) Bei unserem Versuch, die gleichen Fragen in weit verbreitete Sprachmodelle einzugeben, hat sich ein anderes Bild ergeben. ChatGPT, Gemini oder Grok verweisen nicht auf ›Verbotslisten‹ von Personen oder Themen, sondern auf allgemeine Richtlinien, insbesondere das Verbot von Gewaltaufrufen, Entmenschlichung oder Diskriminierung aufgrund verschiedener Merkmale. Kritik an politischen Akteur*innen oder der Darstellung historischer Ereignisse ist grundsätzlich möglich, solange sie diese Grenzen nicht überschreitet. Die Antworten aus dem Artikel wirken affirmativ und zielen stark auf extrem rechte Narrative ab. Sie erscheinen damit wie ein Ergebnis eines gezielten Prompt-Designs.

Instrumentalisierung diskriminierungskritischer Diskurse

Die Beiträge des Compact-Magazins ragen im Vergleich mit anderen extrem rechten Periodika heraus, da sie sich durch eine durchweg negative Sicht auf KI auszeichnen. Dabei wird KI selten isoliert betrachtet, sondern fast immer in größere ideologische Zusammenhänge eingebettet. Zentral sind Texte zum Thema Transhumanismus, also der Idee, menschliche Körper durch technologische Entwicklungen – etwa in den Bereichen Genetik, KI, Robotik oder Nanotechnologie – grundlegend zu verändern und in eine neue Daseinsform zu überführen.[3]

Compact greift dies regelmäßig auf und deutet gesellschaftliche Entwicklungen in diesem Sinne um: Impfungen, Leihmutterschaft oder Debatten über (Trans-)Gender werden als Teil eines angeblich elitär gesteuerten Projekts zur Veränderung der menschlichen Genetik interpretiert.[4] Auch wird über vermeintliche Chip-Implantate spekuliert.
Kontinuierlich stellt Compact Bezüge zur eigenen Themen-agenda her. So argumentiert Stammautor Federico Bischoff, dass der »CO2-Wahn« durch die enormen Energiemengen, die von KI-Anwendungen benötigt werden ein Ende finde, da eine Rückkehr zu fossilen Brennstoffen notwendig sei. Migration werde überflüssig, da Roboter Arbeitskräfte ersetzen könnten; auch verlören politische Gegner*innen aus den Themenbereichen Klima, Antifa oder Gender an Einfluss. Trotz dieser für das Compact-Milieu begrüßenswerten Entwicklungen bleibt das Fazit dystopisch: »Aber mit einem Chip im Kopf werden wir doch selbst zu Maschinen, oder? […] Statt der Machtübernahme durch den Islam droht uns künftig die Versklavung durch KI.« (03/2025)

Neben dem Motiv einer drohenden Islamisierung greift Compact auch diskriminierungskritische Diskurse auf und macht diese lächerlich, indem die Darstellung von KI als Lebewesen mit Forderungen nach Gleichberechtigung für marginalisierte Gruppen verglichen wird. In diesem Zusammenhang suggeriert Jonas Glaser in der Compact Spezial-Ausgabe zu Transhumanismus, dass die Zuschreibung von Bewusstsein grundsätzlich politisch motiviert sei. Diese Argumentation wird weiter zugespitzt, indem Parallelen zur Abtreibungsdebatte gezogen werden, um zu behaupten, dass Bewusstsein willkürlich zu- oder abgesprochen werden könne. »Man kann sich die künftigen Demo-Parolen der Antifa schon vorstellen: ‹Gleiche Rechte für alle! Kein Android ist illegal!›« Insgesamt zeigt sich, wie in Compact technologische und gesellschaftliche Debatten instrumentalisiert werden, um eigene ideologische Narrative zu stützen. Komplexe Themen werden dabei stark vereinfacht, miteinander verknüpft und häufig in zugespitzter oder widersprüchlicher Weise dargestellt.

Fazit

Die Analyse extrem rechter Medien zeigt, dass KI weniger als Technologie, sondern vielmehr als politisches und kulturelles Deutungsfeld fungiert. Die Vorstellungen von »Kulturkampf«, »Systemkritik« oder »Zivilisationsverfall« verdeutlichen, dass auch dieses Thema wenig überraschend instrumentalisiert und ideologisch eingebettet wird.

Zentral ist eine Ambivalenz zwischen der Ablehnung moderner Technologien und ihrer praktischen Nutzung. KI wird als Bedrohung externalisiert (Zensur, Kontrollverlust, Transhumanismus), gleichzeitig jedoch als strategische Ressource begriffen, um die eigene Reichweite, Sichtbarkeit und politische Wirkung zu erhöhen. Der Vorteil generativer KI wird meist als wichtiger bewertet als kritische Aspekte, etwa dass KI »undeutsch« sei (N.S. Heute), durch Anwender fremder Systeme bereitgestellt werde (Krautzone) oder die Kunst zerstöre (Jungeuropa-Podcast). Sowohl auf wirtschaftlicher als auch auf politischer Ebene drohe bei Verzicht bestenfalls die eigene Bedeutungslosigkeit, schlimmstenfalls die »Sklaverei« (Sellner).

Auffällig ist, dass der extrem rechte Diskurs über Künstliche Intelligenz in vielen Punkten sehr nah an breiteren gesellschaftlichen Debatten liegt. Sowohl in der öffentlichen als auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung werden ähnliche Schwerpunkte verhandelt: Die wirtschaftlichen Folgen der Technologie, die zunehmende Schwierigkeit zwischen wahren und synthetischen Informationen zu unterscheiden, der Vertrauensverlust in Medien sowie kulturelle Verschiebungen, etwa im Bereich von Kunst und Kreativarbeit. Auch die Sorge vor einer Überforderung demokratischer Öffentlichkeiten durch KI-generierte Inhalte stellt einen gemeinsamen Bezugspunkt dar. Trotz dieser thematischen Nähe unterscheiden sich die Schlussfolgerungen und politischen Zielsetzungen deutlich voneinander. Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, Regulierung oder Verstärkung bestehender Ungleichheiten durch KI werden in extrem rechten Diskursen meist ausgeblendet oder nicht als problematisch bewertet. Vielen Autoren geht es vor allem um die Durchsetzung eigener Narrative. Die Frage nach der inhaltlichen Richtigkeit von Informationen wird nicht gestellt. Stattdessen dominiert die Sorge, dass vermeintlich »linke« oder »woke« Inhalte an Sichtbarkeit gewinnen könnten. KI hat somit eine beschleunigende Funktion, die eine schnelle, massenhafte und »flutartige« Verbreitung von emotionalisierenden Inhalten kostengünstig und in Hochglanzqualität ermöglicht. In extrem rechten Diskursen geht es letztlich weniger um fundierte Informationen und reflektierte Diskussionen, sondern primär um die eigene Deutungshoheit.

Dass Künstliche Intelligenz demokratiegefährdendes Potenzial hat, ist unter Expert*innen unumstritten und wird durch die bereits sichtbaren Auswirkungen auf die Öffentlichkeit (automatisierte Desinformation, Deepfakes, gezielte Abwertung von Einzelpersonen) bestätigt. Zum Vertrauensverlust in die mediale Öffentlichkeit kommt die enorme Konzentration kommunikativer Macht bei wenigen Unternehmen und Akteur*innen. In einer Zeit des etablierten Autoritarismus ist mit einer weiteren Zunahme von Manipulation und Desinformation zu rechnen. Gleichzeitig bietet KI auch Potenziale zur Bekämpfung einiger dieser Probleme. So könnte sie künftig dabei helfen, generierte Inhalte automatisiert zu erkennen oder Desinformationen schneller zu widerlegen.[5] Technologische Lösungen brauchen jedoch verbindliche regulatorische Vorgaben und klare ethische Prämissen, die ihre Entwicklung und Anwendung wirksam begrenzen und steuern.

Neoreaktion und Dark Enlightenment

Eine Strömung, die technischen Fortschritt gezielt mit antidemokratischen Ideen verknüpft, ist die sogenannte Neoreaktion oder auch Dark Enlightenment. Ihren Ursprung hat sie in den Schriften des Bloggers Curtis Yarvin, der unter dem Pseudonym Mencius Moldbug zwischen 2007 und 2016 den Blog Unqualified Reservations betrieb. In seinen Texten wendet sich der »Systemingenieur des Autoritären« (Deutschlandfunk 2025) gegen Egalitarismus und entwirft das Modell einer technokratischen Monarchie als Alternative zu den aus seiner Sicht korrupten und ineffizienten liberalen Demokratien. Diese, so Yarvins Argument, würden natürliche Hierarchien untergraben und damit technologischen wie gesellschaftlichen Fortschritt behindern.[6] Yarvin plädiert für eine Gesellschaft aus technokratisch organisierten Kleinststaaten, an deren Spitze jeweils ein nahezu allmächtiger CEO steht.

Zu den bekannten Sympathisanten von Yarvins Denken zählen J.D. Vance und Peter Thiel. Der unter Trump vollzogene Umbau des Staatsapparats lässt sich stellenweise wie aus dem Drehbuch Yarvins lesen.[7] Yarvins Ideen wurden von dem britischen Philosophen Nick Land aufgegriffen und weiterentwickelt. Land ist vor allem für die Idee des Akzelerationismus bekannt, also die Vorstellung, gesellschaftliche Verhältnisse durch Beschleunigung zu Fall zu bringen, hier zugunsten einer neuen Ära der Künstlichen Intelligenz.
Diese Ansätze werden durchaus rezipiert, dies verdeutlichen etwa die Einladung Yarvins durch die identitäre Wiener Hochschulgruppe »Aktion 451« für einen Vortragsabend oder das von Nils Wegner im Jungeuropa Verlag erschienene Buch zum Thema.[8] Wegner, der unter anderem für die Sezession über die US-amerikanische Alt-Right berichtet, gelangt darin zu dem Schluss, dass rechtslibertäres Denken für die Rechte keine Zukunft habe, da es letztlich liberal geprägt und somit gemeinschaftszersetzend sei.

  1.  Vgl. Vera Henßler: »Zwischen der ewigen Vergangenheit und der ewigen kommenden Zukunft«. Das instrumentelle Verhältnis der Identitären zur Geschichte. Online unter: apabiz.de [14.04.2026].
  2.  Generative KI bezeichnet eine Form des maschinellen Lernens bzw. einen Sammelbegriff für KI-basierte Systeme, die darauf trainiert sind, eigenständig neue Inhalte zu erzeugen. Im Unterschied zu herkömmlicher KI, die Daten vor allem analysiert oder kategorisiert, kann generative KI scheinbar professionelle und kreative Ergebnisse wie Texte, Bilder, Audio, Videos, Programmcode, 3D-Modelle oder Simulationen erstellen.
  3.  Vgl. zur Ideologie des Transhumanismus auch Mühlhoff, S. 73ff.
  4.  Vgl. zur rechten Rezeption des Transhumanismus: apabiz e.V. (Hrsg.): Queerfeindlichkeit in der extrem rechten Publizistik, magazine 12 (2024). Online unter: apabiz.de [14.04.2026].
  5.  Vgl. Pia Lamberty/Lea Frühwirth (2023): Informationsmanipulation als komplexe Herausforderung. Integratives Modell zum Umgang mit Desinformation. Online unter: cemas.io [14.04.2026].
  6.  Vgl. Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus, Stuttgart 2025, S. 106.
  7.  Dieser zeigte sich zuletzt allerdings enttäuscht von Trump, da dessen Machtfülle für einen echten Regimewechsel nicht ausreiche. Vgl. Matthias Dusini: Rechts-Blogger Curtis Yarvin in Wien, Begegnung mit einem düsteren Querdenker, in: Falter 09/2026. Online unter: www.falter.at [14.04.2026].
  8.  Nils Wegner: Neoreaktion und dunkle Aufklärung. Die rechtslibertäre Versuchung, Dresden 2024.

Von Dana Fuchs und Vera Henßler