04. Juli 2026 / update: 08. Juli 2026
HURRAH! NR.2 - Zeitung für die Anarchie!
Lokales
➣ Soziale Kämpfe
#anarchie
#anarchismus
HURRAH! NR.2 - ab jetzt im Infoladen Bremen!
„Hurrah for Anarchy! This is the happiest moment of my life.“
Dies sind die letzten Worte des revolutionären Anarchisten und Gewerkschaftsaktivisten Adolph Fischers. In Bremen 1858 geboren und durch die Umstände und Ungerechtigkeiten politisiert, wandert er mit 15 Jahren in die USA aus. Er landet in Chicago und arbeitet als Schriftsetzer der deutschsprachigen anarchistischen Chicagoer Arbeiterzeitung. Als am 01. Mai 1886 zu großen Streiks für den 8-Stunden-Tag aufgerufen wird, hetzen die Medien dagegen. Nur zwei Tage später werden zwei Arbeiter von der Polizei erschossen. Als Reaktion ruft die Chicagoer Arbeiterzeitung zu einer Kundgebung beim Haymarket auf. Fischer druckt die Plakate.
Auf dem Haymarket verläuft es ruhig, bis die Chicagoer Polizei in Formation auf den Redner zumaschierend das Ende der Versammlung fordert. Als eine Bombe gezündet wird schießt die Polizei wahlos in die Menge und ermordet dutzende Menschen. Fischer wird gemeinsam mit sieben anderen Anarchisten verhaftet. Aus dem Vorwurf des Bombenwurfes entwickelt sich ein politisches Gerichtsverfahren, in dem sie letztlich für ihre anarchistische Überzeugung verurteilt werden. Bis heute ist es unklar, wer die Bombe warf. Zum Tode verurteilt wird Fischer 1,5 Jahre später zusammen mit August Spies, George Engel und Albert Parsons am 11.11.1887 gehängt. Zur Beerdigung erscheinen 25.000 Menschen und in ihrem Gedenken ernennt die 2. Internationale den 01. Mai zum Internationalen Kampftag der Arbeiter*innen.
Warum nun diese Zeitung?
Die Zeiten haben sich geändert, die Notwendigkeit anarchistischer Diskussionen und Publikationen bleibt. Du >könntest< nun die zweite Ausgabe der Hurrah! in den Händen halten. Wir wollen mit dieser Zeitung ein Werkzeug schaffen, um zu einer lebendigen anarchistischen Bewegung/zu einer gelebten anarchistischen Spannung in Bremen beizutragen. Wir denken, dass gerade in Zeiten, wo die meisten Texte, Propaganda und Öffentlichkeitsarbeit von radikalen Gruppen in sozialen Medien oder anderswo digital stattfindet, ein guter Moment ist um eine Publikation auf Papier herauszubringen. Wir wollen hier nicht falsch verstanden werden, wir halten es durchaus für sinnvoll auch in sozialen Medien Propaganda zu verbreiten! Doch wir stellen fest, dass ihre Nutzung zu einer starken Fragmentierung und Vereinzelung beiträgt. Die Geschehnisse um uns herum scheinen sich zu überschlagen. Gleichzeitig beschleunigen sich Berichterstattung und Content-Produktion durch die Hilfe generativer KI noch einmal und erzeugen Unmengen an kurzlebigen Inhalten, mit denen um unserere Aufmerksamkeit gerungen wird. Mit dieser Zeitung wechseln wir bewusst in einen langsameren Rhythmus, weniger gehetzt von den scheinbaren Notwendigkeiten und brennenden Themen des Augenblicks und mehr mit Fokus auf die Diskussionen und Themen, die uns, euch und den Menschen und Gruppen, die Texte für diese Ausgabe geschrieben haben, am Herzen liegen.
Doch das ist nicht alles. Heute, 140 Jahre nach dem Haymarket, stehen wir in einer Welt, die weiterhin von Grausamkeit geprägt ist. Um uns sehen wir Genozid und Krieg, der Faschismus greift um sich, technologische Angriffe auf uns nehmen zu, unsere Lebensgrundlagen werden unvermittelt weiter zerstört, Nachbar*innen und Freund*innen werden abgeschoben und der 8-Stunden-Tag, Rente und Sozialleistungen werden neben vielen weiteren sozialen Errungenschaften in Frage gestellt. Und weiterhin sind die Knäste voll mit Gefangenen.
Der Druck auf diejenigen, die diese Zustände anprangern und sich weigern zu zusehen steigt derweil zunehmend. Von der Verbotsforderung der bürgerlichen Letzten Generation bis zu nächtlichen Entführungen nach Ungarn. Und um zum Punkt zu kommen: Vom Verfahren gegen den Zündlumpen in München bis zum Urteil gegen das anarchistische Journal Bezmotivny in Massa, Italien. Konsequenter Widerspruch ist dem Staat ein Dorn im Auge. Nichts weniger wollen wir sein! Machen uns die Entwicklungen auch Sorgen: Wir lassen uns den Mund nicht verbieten! Papier zu wählen ist damit auch eine Entscheidung gegen die willkürliche Einflussnahme der Tech-Milliardäre und des Staates auf unsere Kommunikation.
Lasst uns ehrlich mit uns, unseren Gefährt*innen und auch den miesen Umständen sein - und dabei das Unmögliche erstreiten.
Trotz und gerade wegen dieser Umstände.
Oder wie Maja im Grußwort der 18.03. Zeitung der Roten Hilfe schreibt: “Also verzeih, dass ich es bei wirrender Heiterkeit belasse, die dich doch hoffentlich daran erinnert, dass sich Dinge (noch) verrücken lassen. Survia, car compagn!”
Kraft und Liebe für Maja und alle Gefährt*innen im Knast, für alle Untergetauchten und Betroffene staatlicher Repression sowie anderer Formen von Gewalt!
Solidarische Grüße an die Betroffenen des Zündlumpen-Verfahrens und die Verurteilten der Bezmotivny!
Grüße auch an das Autonome Blättchen und die Szene-Rotz aus Hannover!
Zu dieser Ausgabe
Wir freuen uns, dass ihr die zweite Ausgabe der Hurrah! in der Hand halten >könntet<.
Auch dieses Mal >fändet< ihr hier einen inhaltlich bunten Beitrags-Obstsalat mit Sahne und Streuseln.
Als kleine Vorschau hier einmal was auf dem Speiseplan steht:
Wir beginnen mit einem Debattenbeitrag zu den aktuellen Kürzungen, Schließungen und Umstrukturierungen im sozialen Bereich aus anarchistischer Perspektive auf Seite 2
Mehr zur Kameraüberwachung am Ziegenmarkt und dem aktuellen Stand zur Einrichtung findet ihr auf Seite 5
Einen inspirierenden und umfangreichen Blick in die Vergangenheit Bremer Einheitsfeierei wirft die Zusammenstellung widerständiger Praktiken aus den Jahren 1994 und 2010 ab Seite 8
Zur antimilitaristischen Karte und ihrer Weiterentwicklung findet ihr einen Aufruf auf Seite 23
Alptraumhafte Gedanken zum Wehrdienst zeigt ein Comic, gefolgt von einer Übersicht der letzten Ansätze zur Herstellung der Kriegstüchtigkeit ab
Seite 24
Zum Abschluss gibts noch was zum Mitmachen ab Seite 28
Die Rubrik „Dokumentation“ ist in dieser Ausgabe etwas zu kurz gekommen. Da sind wir auf externe Beiträge angewiesen. Alle anderen aktuellen Texte und kreativen Beiträge findet ihr ausschließlich bei uns!
Wir freuen uns auf eure praktischen, aber vor allem auch schriftlichen Beiträge für die Ausgabe 3 im nächsten Quartal. Egal ob Kommentar, Polemik, Geschichte oder Streitschrift!
In diesem Sinne: Ein Hurrah! auf die Anarchie! Freiheit für alle Gefangenen!
Ausgaben findet ihr im Infoladen Bremen!
Kontakt:
PGP-Key auf Anfrage
Fingerprint: 2318 4124 BF5B 3B76 3DC8 13FD F9B4 C37D B684 012F