11. Juni 2026
»Seht unser Leid!«
Im Abschiebegefängnis Glückstadt haben am Montag 15 Inhaftierte einen Hungerstreik begonnen
Um auf ihre Haftbedingungen aufmerksam zu machen, sind bereits am Montag, dem 8. Juni, fünfzehn Inhaftierte der im Kreis Steinburg in Schleswig-Holstein gelegenen Einrichtung in den Hungerstreik getreten. Bis zu 42 »vollziehbar ausreisepflichtige Ausländer« können dort laut Selbstdarstellung derzeit untergebracht werden. Auch Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern lassen hier Menschen einsperren.
»Wir sind keine Kriminellen«, schreiben die Streikenden. Trotzdem würden sie teilweise bis zu sechs Monaten festgehalten. »Unter uns sind ältere Menschen, Kranke und Personen mit schweren psychischen Belastungen. Viele erhalten keine angemessene medizinische oder psychologische Betreuung. Die lange Haft zerstört unsere Gesundheit, unsere Hoffnung und unsere Würde. Wir leben in Angst, Unsicherheit und Verzweiflung.«
Bei der Eröffnung im Jahr 2021 hatte ein Sprecher des zuständigen Landesamtes gesagt, man wolle den Inhaftierten »das Leben nicht noch zusätzlich schwer machen«, berichtete damals die »Taz«, die damalige Innenministerin sprach gar von »Wohnen minus Freiheit«. Dass die Realität sich von diesen Versprechen unterscheidet, zeigen nicht nur Presseberichte und Schilderungen der Inhaftierten. Tatsächlich räumte ein Sprecher der Einrichtung im Jahr 2024 gegenüber dem NDR das auch selber explizit ein. Er sagte, sobald sich die Untergebrachten nicht an bestimmte Regelungen halten würden, »nähern wir uns einer Vollzugsanstalt«.
»Die lange Haft zerstört unsere Gesundheit, unsere Hoffnung und unsere Würde.«
Statement der Hungerstreikenden
Eigene Smartphones sind verboten, Bargeld ebenso, Hofgang ist nur eine Stunde am Tag, bei Personalmangel fällt der auch mal aus. Besuch ist streng reglementiert. Wer sich nicht wie gewünscht unterordnet, riskiert teils mehrtägige Unterbringung in videoüberwachten, sogenannten »besonders gesicherten Hafträumen« ohne Tageslicht in Unterwäsche. In der Vergangenheit kam es zu Zellenbränden, Selbstverletzungen, Hungerstreiks und Suizidversuchen.
»Die Brände in den Hafträumen und auch die Verweigerung der Nahrungsaufnahme einiger Untergebrachter sind sehr bedauerlich, erschreckend und problematisch«, heißt es im Bericht des Landesbeirats für den Vollzug der Abschiebungshaft in der Abschiebungshafteinrichtung in Glückstadt bereits für das Jahr 2024. Schon vor zwei Jahren empfahl der Beirat daher dringend, »das Angebot an psychotherapeutischer Unterstützung durch Fachkräfte zu verstärken und auszubauen«.
Auch vor den Mauern gibt es Proteste. Die Kampagne »Kein Abschiebegefängnis in Glückstadt und anderswo!« macht auf die Situation aufmerksam. Erst am Sonntag demonstrierten 250 Menschen für die sofortige Schließung der Einrichtung. Doch das mediale Interesse insbesondere jetzt am Hungerstreik sei erschreckend gering.
Im Telefoninterview sagt einer der Streikenden, viele hätten ihre Aktion mittlerweile abgebrochen. Die Anstaltsleitung habe sie unter Druck gesetzt und unterstelle zu Unrecht, die Aktion sei von außen geplant. »Wir haben uns alleine Gedanken gemacht«, betont er. Ein streikender Mitgefangener habe abgeschoben werden sollen, sei abtransportiert worden, nun aber wieder da und setze seinen Streik, ebenso wie er, weiter fort. In ihrem Appell fordern die Gefangenen: »Hört unsere Stimmen. Seht unser Leid. Vergesst uns nicht.«