07. Mai 2026
Suraj Mailitafi: »Die Polizei stellt sich gern als Opfer dar«
In einer Lokalzeitung werden Suraj Mailitafi und die Initiative »Gerechtigkeit für Lorenz« geschmäht, weil sie die Polizei grundsätzlich kritisieren.
Ein Geschichtsprofessor der Uni Oldenburg hat Sie in der »Nordwest-Zeitung« gedisst. Erklären Sie uns, was passiert ist.
Ich wurde vor einer Woche von der »NWZ« im Kontext der Erschießung von Lorenz in Oldenburg interviewt und habe unter anderem gesagt, dass ich der Polizei und der Staatsanwaltschaft nicht vertraue, weil das keine unabhängigen Institutionen sind. Der Professor hat sich offenbar gedrängt gefühlt, einen Kommentar darüber zu schreiben, und mich als linksradikal dargestellt. Was mich noch mehr aufregt, ist, dass er uns mit Rechtsextremisten vergleicht. Diese Unterschiede müssten einem Geschichtsprofessor eigentlich klar sein.
Er hat sich auch aufgeregt, weil Sie sagen, die Polizei sei im Fall des Todes von Lorenz A. parteilich. Was soll daran falsch sein?
Das kann ich Ihnen, ehrlich gesagt, nicht erklären. Dass die Polizei nicht neutral ist, sehen wir in vielen Kontexten. Gesellschaftlich wird die Polizei als Institution leider immer als neutrale Instanz wahrgenommen – und auch dann nicht als Konfliktpartei betrachtet, wenn sie jemanden erschießt. Das gilt übrigens auch für Journalist*innen: Meldungen der Polizei werden oft unkritisch übernommen, ohne sie zu hinterfragen.
Sie betrieben politisches Agenda-Setting, schreibt der Professor. Aber Sie sind ja eine Solidaritätsinitiative, die natürlich politisch auftritt – und Sie sehen hinter Einzelfällen ein System.
Aktivismus ist natürlich politisch. Aber auch die Polizei ist politisch, mit ihren Gewerkschaften und ihrer Lobbyarbeit. Was wir konkret kritisieren, sind rassistische Strukturen bei der Polizei. Diese beginnen und enden nicht beim Fall von Lorenz, sondern zeigen sich durch eine Kontinuität: Oury Jalloh, Mouhammed Lamine Dramé, Qosay Khalaf, Christy Schwundeck. Es sind immer wieder dieselben Muster – erst die Erschießung, dann die Kriminalisierung des Opfers, am Ende Entlastung oder Freispruch der Täter.
Auch Gesetze drängen die Polizei dazu, Menschen nach äußerlichen Merkmalen zu kategorisieren. Es kann nicht sein, dass Schwarze Menschen und People of Color, aber auch Menschen in psychischen Krisen überproportional von Polizeigewalt betroffen sind und wir das als Gesellschaft einfach hinnehmen.
Das Stichwort ist struktureller Rassismus. Wie wäre Lorenz A. als weißer Deutscher in derselben Situation wohl behandelt worden?
Ich bin überzeugt, dass er nicht getötet worden wäre. Ich weiß natürlich nicht, ob der Polizist mit rassistischer Absicht gehandelt hat – das sagen wir auch nicht. Wir sprechen von Machtmechanismen und bestimmten Narrativen, von Bildern, die in unserer Gesellschaft existieren. Dass Menschen aufgrund ihres Aussehens als gefährlicher markiert werden, ist in einer rassistischen Gesellschaft gewissermaßen normal. Die Frage ist, ob man das weiß, anerkennt und konkrete Gegenmaßnahmen ergreift. Wenn nicht, haben wir ein riesiges Problem.
Einer der fiesesten Vorwürfe des Professors war, dass Sie – ein Schwarzer Aktivist mit vermutlich unzähligen, selbst erlebten rassistischen Polizeikontrollen – ein »Trittbrettfahrer« seien. Welche Gefühle kommen da bei Ihnen hoch?
Ich habe da keine Hard Feelings. Ich mache diese Arbeit für die Familie, für die Angehörigen und für nachkommende Generationen, damit so etwas nicht wieder passiert. Ich finde es schlicht unprofessionell und unwissenschaftlich von einem Professor, Studierende zu diffamieren. Und ich beobachte dabei ein Muster: Der Mann schreibt auch für ein Magazin, das ich eher dem rechtskonservativen Spektrum zuordnen würde. Das zeigt, was für ein Agenda-Setting bei ihm stattfindet – was er mir ja vorwirft. Ja, wir sind politisch, weil Gerechtigkeit, Aufklärung und der Schutz von Menschenleben politisch sind.
Ein Jahr nach der Tat ist noch kein Prozess gegen den Schützen eröffnet worden – angeblich wegen Überlastung der zuständigen Kammer. Wie kann das sein?
Das kann ich absolut nicht nachvollziehen. Wenn eine Kammer überlastet ist, sollte sie aus der Zuweisung herausgenommen und der Fall einer anderen, weniger belasteten Kammer übergeben werden, damit es schnell zu einem Prozess kommt. Das zeigt aber auch ganz klar, wo die Prioritäten liegen. Ein Mensch wurde getötet, und nach einem Jahr warten die Angehörigen immer noch auf Antworten. Das ist scharf zu verurteilen.
Die Staatsanwaltschaft hat im November Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben. Ist das das richtige Strafmaß?
Für uns ganz klar: Nein. Es kann nicht fahrlässig sein, einen Menschen von hinten mit mehreren Schüssen zu erschießen. Wir fordern eine Anklage wegen Totschlags. Fahrlässigkeit bedeutet Versehen – das ist hier nicht erklärbar. Zumal Lorenz, nachdem er mit einer Kugel im Hinterkopf auf dem Boden lag, statt erster Hilfe Handschellen angelegt bekam. Selbst in diesem Moment wurde er noch als gefährlich markiert.
Sie werfen der Polizei vor, gegen sich selbst zu ermitteln. Was wäre Ihr Vorschlag für eine wirklich unabhängige Untersuchung?
Wir werfen es nicht nur vor – es ist so. Die Polizei Delmenhorst übernimmt die Ermittlungen im Fall von Lorenz, obwohl Oldenburg den Fall von Qosay Khalaf ermittelt hat, der 2021 in Polizeigewahrsam in Delmenhorst starb. Das sieht für uns aus wie: Eine Hand wäscht die andere.
Wir brauchen eine unabhängige Kontrollinstanz für die Polizei – das ist im Interesse aller. Egal was am Ende herauskommt, solange die Polizei gegen sich selbst ermittelt, wird das Misstrauen bleiben. Eine unabhängige Instanz wäre nicht nur im Sinne der Angehörigen, sondern auch im Sinne der Gesellschaft und letztlich auch der Polizei selbst.
Das ist wohl erst einmal eine Utopie. Was sind Ihre konkreten Forderungen an die Polizei, wie sie derzeit existiert?
Zunächst: Fehler müssen zugegeben und anerkannt werden – das wäre ein erster Schritt, statt immer sofort in die Abwehrhaltung zu gehen. Darüber hinaus brauchen wir eine rassismuskritische Ausbildung, in der die Erfahrungen von Schwarzen Menschen und People of Color ernst genommen werden.
Gerade wenn es um Menschen in psychischen Krisen geht, muss die Polizei entweder besser darauf vorbereitet werden – oder es braucht andere Instanzen, die hinzugezogen werden. Es kann nicht sein, dass die Polizei in solchen Situationen so häufig eskalierend statt deeskalierend wirkt.
Und dann gibt es noch eine ganz konkrete Forderung: Bodycam-Pflicht. Im Fall von Lorenz hatten die Polizist*innen Bodycams dabei, die waren aber ausgeschaltet. Das sorgt für Misstrauen. Spätestens wenn die Waffe gezogen wird, müssen die Bodycams automatisch einschalten.
Wie stehen Sie dazu, dass die Polizei mit flächendeckend verteilten Tasern womöglich weniger tödlich agieren würde?
Ich bin sehr skeptisch. Ich bin dagegen, der Polizei noch eine zusätzliche Waffe in die Hand zu geben. Wir müssen nicht aufrüsten, sondern daran arbeiten, dass die Polizei im Umgang mit Menschen in Konfliktsituationen deeskaliert. Ein Taser wirkt auch als Bedrohung – das lehne ich ab.
Nach der Großdemonstration letztes Jahr mit Zehntausenden Menschen nach dem Tod von Lorenz A. brannten Autos in der Stadt. Hat das Ihrer Botschaft – Gerechtigkeit für Lorenz – geschadet?
Das passierte nach der Demonstration, nicht in deren Rahmen. Aber es wird immer wieder genutzt, um uns zu delegitimieren und uns als gewaltbereite junge Menschen darzustellen. Wir haben das Recht, wütend zu sein, und das Recht, für Gerechtigkeit einzustehen.
Der besagte Autor in der »NWZ« meint, die Polizei sei durch den Tod von Lorenz kommunikativ in die Defensive geraten.
Ich weiß nicht, ob die Polizei in der Defensive ist. Was ich beobachte, ist, dass die Polizei sich gern als Opfer darstellt. Zum Todestag wurden viele Polizist*innen interviewt. In einem Beitrag hatte die Polizeigewerkschaft sechs Minuten lang die Möglichkeit, Verleumdungen zu streuen, ohne kritische Einordnung.
Ihre Kampagne hat Lorenz A. ein Gesicht gegeben. Kann das ein Grund sein, dass nach dem 20. April 2025 auffällig wenig Menschen durch Polizeischüsse getötet wurden? Dass er ein Oldenburger Jugendlicher war und von hinten erschossen wurde, könnte ja auch Polizist*innen bewegt haben.
Die Erschießung von Lorenz hat deutschlandweit große Aufmerksamkeit erzeugt – auch innerhalb der Polizei. Ob das bereits zu einem veränderten Handeln geführt hat, kann ich nicht sagen. Ich hoffe jedoch, dass der öffentliche Druck und die Arbeit unserer Initiative dazu beitragen, dass Polizeieinsätze stärker auf Deeskalation ausgerichtet werden und strukturelle Probleme im Umgang mit Schwarzen Menschen, People of Color und Menschen in psychischen Krisen ernsthaft angegangen werden. Unser Ziel ist, dass niemand mehr unter solchen Umständen sterben muss.
Wieso werden eigentlich kaum Angehörige von Betroffenen oder Menschen, die selbst Polizeigewalt erlebt haben, in Berichten interviewt?
Das frage ich mich, ehrlich gesagt, auch und kritisiere es konkret. Wir schreiben als Initiative Journalist*innen an, wenn wir merken, dass Perspektiven von Betroffenen fehlen. Ich vermute, dass in vielen Medienhäusern Rassismuskritik nicht großgeschrieben wird und bestimmte Narrative einfach reproduziert werden.
Hinzu kommt, dass Journalist*innen teilweise auf Informationen der Polizei angewiesen sind. Dieses Abhängigkeitsverhältnis prägt die Berichterstattung. Es gibt beispielsweise keinen Beitrag, in dem wir als Initiative allein zu Wort kommen. Aber es gibt viele Beiträge, in denen die Polizei allein dasteht. Und wenn wir drinstehen, wird immer auch die Polizei gefragt. Dieses Machtgefälle wird in der Berichterstattung gar nicht berücksichtigt.
Und wenn Sie das kritisieren, kommt sofort der Vorwurf des Agenda-Settings …
Genau. Oder es wird uns gesagt, wir sollten dankbar sein, dass Journalist*innen überhaupt berichten. Das haben wir tatsächlich zu hören bekommen. Dankbar wofür, frage ich mich.
Wie geht es mit der Initiative weiter?
Wir sind auf jeden Fall noch dabei. Wir haben gerade einen Sprint hinter uns mit der Anklage, jetzt kommt ein Marathon. Wir werden uns auf den Gerichtsprozess vorbereiten und uns neu aufstellen, immer in Absprache mit den Angehörigen und der Familie. Wir wollen, dass in Zukunft weniger Menschen durch die Polizei getötet werden und dass strukturelle Veränderungen stattfinden – nicht nur in Niedersachsen, sondern deutschlandweit. Wir konnten dabei auf der Arbeit früherer Initiativen aufbauen, haben viel voneinander gelernt und Erfahrungen ausgetauscht. Wenn wir dazu beitragen können, dass weniger Menschen durch Polizeigewalt sterben und sich konkrete Strukturen ändern, wäre das ein großer Erfolg.
Suraj Mailitafi ist Chemiestudent und setzt sich für Antirassismus, gesellschaftliche Vielfalt und soziale Gerechtigkeit ein. Darüber hinaus engagiert er sich in der Initiative »Gerechtigkeit für Lorenz« für die lückenlose Aufklärung rassistischer Polizeigewalt.