22. Februar 2026
Tod eines Faschisten in Lyon
Antifaschismus ist dringender denn je
Dies ist eine fixe Übersetzung aus dem Französischen; Original auf rebellyon.info [onion-link]; Anmerkungen zur Übersetzung in [ ]-Klammern
Nach dem Tod eines faschistischen Aktivisten in Lyon versuchen die extreme Rechte und ihre Verbündeten, dieses Ereignis zu instrumentalisieren, um den Antifaschismus zu kriminalisieren. Gleichzeitig begnügt sich die institutionelle Linke damit, „jegliche Gewalt“ allgemein zu verurteilen. Mehr denn je müssen wir gemeinsam für die Dringlichkeit eines Antifaschismus von unten [orig: populaire] eintreten und dafür, dass unsere Klasse sich gegen die Gewalt der extremen Rechten verteidigen kann.
Tod eines Faschisten in Lyon: Antifaschismus ist dringender denn je
Am Abend des 12. Februar wurde Quentin Deranque, ein faschistischer Aktivist, in kritischem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert. Er war Mitglied der neofaschistischen Gruppe Les Allobroges Bourgoin und des Ordnungsdienstes von Némésis und hatte zuvor auch bei der Action Française mitgewirkt. Sein Tod wurde 48 Stunden später bestätigt, wenige Stunden bevor die Presse Zeugenaussagen von Ladenbesitzer*innen und Anwohnenden veröffentlichte, die ein aus einem Fenster gefilmtes Video bestätigten, das eine Prügelei nach einer Massenschlägerei zeigt. Seriöse journalistische Untersuchungen, die sich nicht damit begnügen, die Darstellung der extremen Rechten zu übernehmen, sind noch im Gange, und viele Unklarheiten müssen noch geklärt werden. Auf jeden Fall kann dieser Tod politisch nicht außerhalb des Kontextes betrachtet werden, der zu diesem Ereignis geführt hat.
Seit Jahren engagieren sich zahlreiche Vereine, Gewerkschaften, politische Parteien, Anwohner*innen und Gewerbetreibende in Lyon gegen die zunehmende Gewalt durch Rechtsextreme. Wie viele Übergriffe auf People of Colour? Auf LGBTI-Personen? Auf Gewerkschafter*innen? Auf Aktivist*innen von Vereinen oder Politik? Auf Anwohner*innen? Wie viele Schlägereien? Wie viele bewaffnete Angriffe? Wie viele Krankenhausaufenthalte?
Seit Jahren warnen wir gemeinsam vor der Ansiedlung faschistischer Gruppen, die in einem an die Bar La Traboule angrenzenden Kampfsportraum oder in paramilitärischen Sommercamps trainieren, vor den allzu zahlreichen Aufrufen zum Hass, aber auch vor der Komplizenschaft der Behörden. Tatsächlich ist die Polizei bei Veranstaltungen wie der am Donnerstag regelmäßig nicht anwesend, während Konferenzen der extremen Rechten stets durch besonders umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen geschützt werden.
Während die Aktivistinnen von Némésis mit medienwirksamen „Happenings” für Aufsehen sorgen, bereiten sich die neofaschistischen Aktivisten von Lyon darauf vor, für ihre Sache zu töten und zu sterben. Ihre Anführer bilden radikalisierte und disziplinierte Kämpfer aus, um sie an die Front zu schicken, wo sie sich den Schutzstrukturen entgegenstellen, die alle sozialen Bewegungen in Lyon zu ihrem Verteidigung einsetzen müssen.
Dass sich in diesem Zusammenhang im Laufe der Jahre in Lyon antifaschistische Gruppen gebildet haben, um sich an der kollektiven Selbstverteidigung zu beteiligen, ist offensichtlich.
Das Schicksal des jungen faschistischen Aktivisten ist für die extreme Rechte eine Gelegenheit, ihn zum Märtyrer zu stilisieren und ihre Gewalt zu verstärken. In den Tagen nach Donnerstagabend wurden zahlreiche Räumlichkeiten verschiedener Gewerkschaften und linker politischer Organisationen in ganz Frankreich verwüstet, darunter LFI, aber auch Solidaires Rhône sowie La Plume Noire, eine von der UCL in Lyon betriebene selbstverwaltete Buchhandlung, die bereits mehrfach angegriffen worden war. Auf der Place de la République in Paris wurden Hakenkreuze gesprüht, und überall in Frankreich wurden keltische Kreuze gesprüht. Die Drohungen und Aufrufe zu körperlicher Gewalt gegen Aktivist*innen nahmen zu, von denen einige öffentlich identifiziert und zur Schau gestellt wurden. Die faschistische Szene hofft nun, ihre Übergriffe mit neuer Intensität fortsetzen zu können, indem sie sich auf die falsche Erzählung vom „Terrorismus der extremen Linken” stützt, um sich politisch zu legitimieren.
Die linken Parteien und Politiker*innen, die „jede Form von körperlicher Gewalt“ verurteilt haben, sind in die Falle der extremen Rechten getappt. Diese selbstgefällige pazifistische Rhetorik stellt eine faschistische Gewalt, die seit mehr als fünfzehn Jahren in Lyon andauert und alles ins Visier nimmt, was den weißen Supremacisten missfällt, und ein Ereignis, das eine abscheuliche politische Kampagne zur Kriminalisierung des Antifaschismus nährt, auf eine Stufe. Jean Messiha ruft dazu auf, die antifaschistischen „den Abschaum auszurotten". Die Faschisten fordern neue Clément Mérics [am 5. Juni 2013 wurde der damals 18 jährige Clément Mérics in Paris von Nazi-Skins ermordet], Politiker*innen der Rechten und Rechtsextremen fordern, Antifa-Gruppen als terroristisch einzustufen. Und was macht die Linke? Sie spricht den „Freunden” des Opfers ihr Beileid aus und kriminalisiert den Antifaschismus. Einige gehen sogar so weit, dass sie das Wort „Faschist” seiner politischen Bedeutung berauben, indem sie es zu einem einfachen Synonym für „Gewalt” machen, das man dann jedem zuschreiben könnte, auch den Antifaschisten.
Die UCL [union communiste libertaire] wird sich nicht auf diese bequeme, aber inkonsequente Demagogie einlassen. Wir erinnern nachdrücklich an eine hartnäckige Realität: Es ist in erster Linie die extreme Rechte, die tötet und dieses Klima der Gewalt in Lyon, in Frankreich und auf der ganzen Welt schafft. Wir verurteilen nachdrücklich die Umkehrung der Situation, die die extreme Rechte derzeit durch die Verwendung des Begriffs „Lynchmord” zu erreichen versucht, der sich auf rassistische Massengewalt gegen Schwarze in den Vereinigten Staaten bezieht. Seine Verwendung im Zusammenhang mit den Schlägen, die ein weißer Supremacist erlitten hat, ist eine tödliche und rassistische Umkehrung.
Ja, die extreme Rechte tötet: die Ertrunkenen der Deûle, Brahim Bouraam, Clément Méric, Federico Aramburu, Mahamadou Cissé, Djamel Bendjaballah, Rochdi Lakhsassi, Hichem Miraoui, der 2025 in Puget-sur-Argens mit fünf Schüssen getötet wurde… Hätten die Ermordeten rechtsextrem sein müssen, um eine nationale Ehrung zu erhalten? Wo bleiben die Beileidsbekundungen für die Opfer und die nationalen Ehrungen, wenn Frédéric Grochain, ein kanakischer politischer Gefangener, am 6. Februar dieses Jahres Tausende von Kilometern von seinem Land entfernt in seiner Zelle stirbt? Wo sind die Tränen der Parteien und Medien, die Quentin Deranque wegen des rassistischen Mordes an Ismaël Aali Anfang 2026 in derselben Stadt beweint haben?
Die UCL verteidigt einen sozialen Antifaschismus von unten [orig: populaire], der auf dem Aufbau sozialer Massenbewegungen basiert, deren Stärke in ihrer Anzahl und nicht in ihrer Gewalt liegt. Wenn man jedoch aus Prinzip auf Konfrontation verzichtet, verurteilt man sich selbst dazu, im öffentlichen Raum nicht mehr aktiv sein zu können. Wenn wir darauf verzichten, unsere Demonstrationen, unsere öffentlichen Versammlungen und unsere Flugblattaktionen zu schützen, dann verzichten wir darauf, politisch zu intervenieren, denn die extreme Rechte wird nicht darauf verzichten, uns anzugreifen, und genau darin liegt der Unterschied zu anderen politischen Ideologien.
Indem sie „die Antifas“ an den Pranger stellen, heulen diese Elemente der parlamentarischen Linken mit den Wölfen. Sie bringen sich damit in eine Lage, in der sie morgen die von staatlicher Repression bedrohten antifaschistischen Bewegungen nicht mehr verteidigen können.
Dennoch müssen wir mehr denn je zusammenhalten und unsere Position verteidigen.
Gegen die Faschisten keinen Schritt zurück.
[Weitere Infos:]
Am Freitag zogen mehrere tausend Faschist*innen in einem “Gedenkmarsch” durch Lyon. 6 Personen befinden sich [stand Freitag] in vorläufigem Gewahrsam, mehr Infos auf rebellyon.info