17. Februar 2026
Rojava als Katalysator
Theorie & Analyze
➣ Soziale Kämpfe
Die Einheit, die entstanden ist, ist nicht perfekt, aber sie ist real. Und sie verändert die politische Landkarte.
Nach den Angriffen auf Rojava hat sich eine neue Dynamik im kurdischen Einheitsprozess entwickelt. SAMER-Koordinatorin Yüksel Genç analysiert, wie aus Bedrohung politische Kraft wird und wie die kurdische Bewegung über nationale Grenzen hinauswirkt.
Die Angriffe auf Rojava Anfang Januar markieren für Yüksel Genç, Koordinatorin des im nordkurdischen Amed (tr. Diyarbakır) ansässigen Zentrums für soziopolitische Feldstudien (SAMER), einen politischen Einschnitt. Im Gespräch mit ANF analysiert die Soziologin die Rolle der nationalen Einheit in Kurdistan, die sich in Reaktion auf die Bedrohung formiert hat und über Rojava hinaus tiefgreifende Wirkung entfaltet. „Seit dem 6. Januar erleben wir eine neue Phase. Die Besetzung kurdischer Viertel in Aleppo war ein Wendepunkt. Seither tritt die Bevölkerung mit nationalem Bewusstsein als aktiver politischer Akteur auf: nicht mehr nur reaktiv, sondern gestaltungsfähig.“
Gesellschaftlicher Akteur von unten
Die Bedeutung dieses Moments liegt für Genç im Wandel der Rolle der Bevölkerung: Aus einem fragmentierten politischen Subjekt sei eine strukturierende Kraft geworden. Die Menschen beanspruchten Beteiligung an allen Prozessen, die Kurd:innen in einem der vier Teile betreffen: „Ob in Rojava, Başûr, Rojhilat oder Bakur – überall zeigt sich: Wenn die Existenz oder Errungenschaften der kurdischen Bevölkerung bedroht sind, entsteht Widerstand. Und dieser ist zunehmend politisch geeint.“
Der Widerstand gegen die versuchte Ausschaltung Rojavas habe den Verhandlungsspielraum auf internationaler Ebene verändert, so Genç: Die kurdische Bevölkerung habe gezeigt, dass sie in der Lage sei, einen drohenden Zusammenbruch durch eigenen politischen Druck zu verhindern.
Nationale Einheit als Reaktion auf Risiko
Diese neue Qualität kollektiver Handlungskraft sei nicht Ergebnis strategischer Planung, sondern eine Reaktion auf das Erleben existenzieller Bedrohung. „Die kurdische Einheitsbildung ist aus Risikoerfahrung hervorgegangen und aus dem Bedürfnis, die eigene Existenz zu sichern“, betont Genç. Dabei unterscheidet sich dieser Prozess fundamental von klassischen Nationsbildungen, die sich an der Herausbildung von Nationalstaaten orientieren. Die kurdische Einheit sei nicht staatlich verankert, sondern entwickle sich außerhalb institutioneller Machtzentren, durch soziale Praxis und geteilte Geschichte.
Nicht staatlich, sondern historisch-sozial: Eine andere Nationsbildung
Genç stellt klar: Das kurdische Einheitsverständnis widerspricht der Logik staatszentrierter Nationsbildung, wie sie seit der Französischen Revolution dominierend war. Die kurdische Bewegung verfolge kein homogenisierendes Staatsprojekt, sondern eine vielfältige, geteilte politische Praxis, die grenzüberschreitend wirkt: „Die kurdische Nationsbildung basiert auf zwei Impulsen: dem Schutz vor Auslöschung und dem Erhalt kollektiver Errungenschaften.“ Darin liege auch ihr Potenzial als alternatives Modell zur herkömmlichen Verflechtung von Staat und Nation.
Transnationale Nationsbildung: Ein globaler Sonderfall
Ein weiteres Merkmal des kurdischen Prozesses sei seine globale Verstreuung: „Während andere Nationen sich auf ein geografisches Territorium konzentrieren, vollzieht sich die kurdische Nationsbildung dezentral, verteilt über mehrere Staaten, und dennoch verbunden durch geteilte Erfahrung und politische Praxis.“ Das mache den kurdischen Einheitsprozess zu einem besonderen Untersuchungsgegenstand politischer Theorie, so Genç, und zugleich zu einem Hinweis auf künftige Gesellschaftsformen im 21. Jahrhundert.
Globale Autoritarismen, lokale Gegenbewegung
Die Autoritarismen unserer Zeit – von China bis Russland, von der Türkei bis zu westlichen Demokratien – seien durch Machtkonzentration und Entfremdung gekennzeichnet. Die kurdische Bewegung sei eine frühe und sichtbare Reaktion auf diesen globalen Trend: „Weltweit wachsen Ohnmacht und Frustration. Inmitten dieser globalen Entfremdung entsteht neue gesellschaftliche Energie und die kurdische Bewegung ist eine ihrer ersten Erscheinungen.“ Dieser Prozess sei nicht geplant, sondern reaktiv, und genau darin liege seine Stärke.
Rojava als Projektionsfläche kollektiver Angst
Die Situation in Rojava habe nicht nur politisch, sondern emotional kollektiv verankerte Reaktionen ausgelöst: „Die Empfindung lautete: Wenn Rojava fällt, fällt alles.“ Daraus sei die Erkenntnis erwachsen, dass die Verteidigung Rojavas gleichzeitig ein Schutzschirm für die gesamte kurdische Bewegung darstellt: von der Autonomie Başûrs bis zum politischen Aufbruch in Rojhilat.
Vertrauenskrise gegenüber der Türkei
Die Bevölkerung schreibe die Verantwortung für die Eskalation zunehmend der Türkei zu, so Genç, nicht nur Syrien, den USA oder Russland: „Es gibt ein emotionales Bruchgefühl und die Hoffnung auf Dialog ist tief beschädigt. Was bleibt, ist Misstrauen.“ Der Friedensprozess in der Türkei werde nun nicht mehr als echte Chance, sondern als strategisch kontrollierter Prozess ohne Substanz wahrgenommen.
Neue Anforderungen an politischen Dialog
Wenn überhaupt noch ein politischer Prozess möglich sei, dann nur, wenn er greifbare Resultate liefere: Anerkennung von Rechten, institutionelle Beteiligung, Garantien auf Selbstverwaltung. „Es braucht sichtbare Schritte. Sonst wird der Prozess nicht als Lösung, sondern als Täuschung empfunden.“ Laut Genç wird der politische Prozess auch nicht länger im Rahmen der Türkei allein verstanden. Die Bevölkerung betrachte sich als Teil einer kurdischen Gesamtbewegung, die in vier Teilen mit unterschiedlichen Mitteln dasselbe Ziel verfolgt: „Die Türkei ist für viele Kurd:innen nur ein Schauplatz in einem umfassenderen Prozess, der Rechte, Würde und Status in allen vier Teilen Kurdistans betrifft.“
Eine neue Phase politischer Realität
Was sich in Rojava und darüber hinaus entwickelt, ist eine tiefgreifende politische Verschiebung: Aus einer bedrohten Minderheit ist ein selbstbewusstes, grenzüberschreitendes politisches Subjekt mit wachsendem Einfluss, aber auch wachsender Verantwortung geworden. „Die Einheit, die entstanden ist, ist nicht perfekt, aber sie ist real. Und sie verändert die politische Landkarte.“