Ende Legende



Was ist eigentlich aus dem IL-Outing-Skandal vom Sommer 2022 geworden? Was offenbart unser Umgang mit der Lüge über linke Gerechtigkeitsvorstellungen?


Was ist eigentlich aus dem IL-Outing-Skandal vom Sommer 2022 geworden? Hat sich die Interventionistische Linke (IL) wenigstens intern zu einer echten politischen Haltung der Verantwortungsübernahme durchringen können? Wie müssen wir den Machtmissbrauch abschließend bewerten, bei dem einem Menschen aus ihren Reihen eine zerstörerische Geschichte angehängt wurde und nach Enttarnung des Lügenkonstrukts gleich die gesamte Frage von ‘wahr’ und ‘falsch’ als irrelevant und unzulässig deklariert wurde. Letzteres ging dabei weit über die IL hinaus und muss vor dem aktuellen Kulturkampf von Rechts, bei dem sich die Postfaktizität als Schlüsselelement entpuppt, neu interpretiert werden. Wirklichkeit wird zur Macht- und Verhandlungssache. Wir schauen dazu auf die Entwicklung der hoch-polarisierten (Meinungs-)Lager. Was offenbart der Outingskandal über linke Gerechtigkeitsvorstellungen?  

Keine Sorge, wir werden nicht erneut das Outing-Desaster in all seinen unschönen und zermürbenden Details auseinandernehmen. Interessierte verweisen wir dazu auf vier Referenzen am Ende des Textes. Mit der IL beschäftigen wir uns nur insofern, als dass sie sich dem Verrat an der radikalen Linken verschreibt, obwohl intern niemand mehr an den ursprünglich unterstellten sexuellen Übergriff glaubt (Bilder und Details von einem einvernehmlichen Sexdate in einer erfundenen Chatgruppe geteilt zu haben). Die angeblich ‘Betroffene’ und der Architekt des Lügengebäudes (ihr Partner) haben mit ihrer geschrumpften Düsseldorfer Gruppe seered! im Januar 2025 die IL verlassen. Sie kamen damit einem lang diskutierten Ausschluss aus der IL zuvor. 
 

Wirklichkeitszersetzung

Es herrscht immer noch großes Unverständnis, was die Einordnung von systematisch generiertem Unsinn (Misinformation) in Abgrenzung zur klassischen Lüge (Desinformation) angeht. Die weit verbreitete Einschätzung scheint sich immer noch an der klassischen, machtvoll inszenierten Lüge eines Silvio Berlusconi der 1990er und 2000er Jahre zu orientieren, dessen Medienmacht die offensive Lüge als wirkungsmächtiges politisches Instrument erlaubte. Erst, wenn bei zu offensichtlichen Widersprüchen diese Macht zur Etablierung der Fälschung als neue Wahrheit nicht ausreicht, nimmt der Lügner das Recht der Meinungsfreiheit für sich in Anspruch und erklärt, dies sei eben seine ‚Sicht der Dinge‘. Die Verwischung der Grenze zwischen Tatsachen und Meinungen war bei Berlusconi nur der Notfall-Plan B im Fall der öffentlichen Bloßstellung der ‚zu krassen‘ Lüge.

Bullshitter hingegen, so Harry G. Frankfurt, sind für den politischen Kommunikationsprozess „schlimmer als Lügner“. Ihnen ist egal, ob etwas wahr oder falsch ist. Sie interessieren sich nur für die rhetorische Kraft einer Erzählung (Reichweite und Ausbreitungsgeschwindigkeit). Das Hauptinteresse des bullshitters besteht nicht darin, dass selbstkonsistente Parallelwelten von Falscherzählungen für sich ‚Wahrheit‘ im Sinne einer Faktizität reklamieren, sondern dass sie die Frage „Was ist wahr und was ist falsch?“ als unentscheidbar oder im fortgeschrittenen Stadium gar als irrelevant etablieren. Es geht nicht darum, die Lüge zur Wahrheit zu machen, sondern darum, das Konzept von Faktizität zu verunmöglichen – die Wahrheit also von der Unwahrheit und der Lüge ununterscheidbar werden zu lassen. Das Ergebnis sind Verunsicherung und Destabilisierung.

Steve Bannon (der rechtsradikale ehemalige Berater von Donald Trump) schlug dazu vor, man müsse „das [mediale] Feld mit Scheiße fluten“. Wirklichkeit degeneriert zu einem pluralistischen Nebeneinander vieler möglicher Wahrnehmungen von Wirklichkeit; quasi gleichwertig zu unterschiedlichen ‚Meinungen‘. Wenn alle unterschiedliche Abbilder der Wirklichkeit haben, die sich immer weniger überlappen, dann schrumpft das gemeinsam anerkannte Wissen ‚unbestreitbarer‘ Fakten. Die Basis für eine mehr als identitäre Meinungsbildung und einen politischen Aushandlungsprozess geht verloren. Ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit wird unsere Urteils- und Handlungsfähigkeit als Grundlage des politischen Gemeinwesens zerstört. Für Hannah Ahrendt war dies die zerstörerische Konsequenz der Nazipropaganda: Die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Unwahrheit sowie Recht und Unrecht wird aus dem kollektiven Bewusstsein der Bevölkerung getilgt.

Je stärker die Akzeptanz verbreiteter Information von ihrem Wahrheitsgehalt entkoppelt ist, desto leichter lässt sich zudem auch die klassische Lüge als manipulative Desinformation verbreiten. Neben dem Unsinn wird so auch die Lüge normalisiert. Unsinn und Lüge, beide steigern das Niveau gesellschaftlicher Verunsicherung und schaffen eine politische Bereitschaft sich auf einfache Antworten einzulassen. Politisch profitieren können von einem hohen Anteil an Fake rechte Kräfte, denen an einer gesellschaftlichen Destabilisierung durch wachsende Polarisierung gelegen ist.

Die Quelle hat klassisch gelogen …
 

Der Fake vom sexuellen Übergriff wurde nicht nur vom Lügenbaron aufwändig inszeniert, sondern von ‘der Betroffenen’ und einem Kreis innerhalb der IL machtvoll getragen und gegen Einwände und Hinweise auf eklatante Widersprüche aktiv abgeschirmt. Mittlerweile fühlt sich manche der aktiv lügenden ‘Genoss*innen’ z.B. der IL-Köln, die damals öffentlich vorgaben “eindeutige Beweise” für den unterstellten Übergriff “selbst gesehen” zu haben, “sehr unwohl”. Sie verweigern jedoch eine Aufarbeitung ihres Anteils an der Verfestigung der zerstörerischen Lüge und hoffen, dass die Aufmerksamkeit um die Geschichte irgendwie (an ihnen vorbei) ausplätschert.

… den Bullshittern drumherum ist es schlicht egal, ob die Story stimmt
 

Der größere Teil des Desasters hat sich allerdings vom Wahrheitsgehalt der Anschuldigungen gegen den (angeblichen) “Täter” komplett entkoppelt. Den Verstärker*innen um die Quelle herum ist es nicht wirklich wichtig, ob die Anschuldigungen stimmen – eine kollektive Bullshit-Show beginnt. Sie sind begeistert von der politischen Gelegenheit sich machtvoll für “das Richtige” einzusetzen. Nicht die Stimmigkeit der Anschuldigung, also der Realitätsbezug sondern die rhetorische Reichweite der Selbstermächtigung bestimmt das selbstgerechte Handeln der Verstärker*innen – mit erstaunlicher Faktenresistenz (kognitive Verzerrung, bei der wir unsere Meinung nicht mit den Tatsachenwahrheiten abgleichen, sondern lieber die Fakten ignorieren oder gar leugnen, die unserer Meinung widersprechen).  

Eindringlich vorgetragene Unstimmigkeiten (innerhalb und außerhalb der IL) werden auch von erfahrenen Genoss*innen (ebenfalls innerhalb und außerhalb der IL) protektionistisch und irrsinnig weggewischt: “Wer sollte sich so einen Fall schon ausdenken?”, “Es gilt halt die Definitionsmacht” (diese gilt selbstverständlich für Quellen außerhalb des Wahrnehmungsbereichs der Betroffenen nicht), “Ich GLAUBE einer Organisation, die sogar einen Leitfaden zu dem Thema erstellt hat”, “Nur weil Emails gefälscht wurden, bedeutet das doch nicht, dass die ganze Geschichte falsch ist”. Zudem entwickelt sich ein befremdliche Haltung, bewusst auf einem veralteten / diffusen Wissensstand zu verharren, um eine inhaltliche Auseinandersetzung zu verunmöglichen: “Mein Kenntnisstand liegt offenbar weiter zurück, daher sehe ich das (noch) folgendermaßen …”

Die Intensität der sozialen Beziehung zur IL bzw. die Angepisstheit über ungläubige “Täterschützer*innen” entschied vielfach darüber, wie stark sich Akteur*innen als Bullshit-Verstärker einbrachten. In dieser polarisierten Zuspitzung wurde es immer leichter, jeglichen Zweifel in die Ecke des Täterschutzes zu rücken. Das Feld möglicher Positionierungen schnurrte zusammen auf den Nahbereich um die beiden Pole (a) volle Unterstützung für das Outing – alles andere ist antifeministisch oder (b) es gab gar keinen sexuellen Übergriff – hier wird kollektiver Rufmord betrieben.

IL-interne Kritiker*innen des Outings verstummten schnell. Auch Indymedia war schnell auf Linie – Beiträge, die die Sinnhaftigkeit, oder gar die Legitimität des Outings infrage stellten, wurden konsequent gelöscht. Mehrere Ortsgruppen der IL (u.a. Hannover und Bremen) attackierten andere Info-Portale und Zeitungsprojekte und forderten auch diese zur Zensur auf. Die Sache lief (fast) safe – mit Brandolinis Gesetz, nachdem der Aufwand für das Widerlegen von Fake um ein Vielfaches größer ist, als der Aufwand eben diesen Fake zu verbreiten, sollte eigentlich nichts anbrennen. Die mikro-politischen “Wahrheitsfetischist*innen”, die weiter auf neue Unstimmigkeiten des Lügenkonstruktes hinwiesen, konnten ohne Probleme als schmalspurige “Forensiker*innen” ohne Makro-Perspektive für den politischen Gehalt der Auseinandersetzung diskreditiert werden.

Diese Resonanz der Bullshitter, die die Fake-Geschichte so weit verstärkt haben, ist politisch viel bedenklicher als die klassische Desinformation des inner-circles um den IL-Lügenbaron aus Düsseldorf. Die machtvolle Bereitschaft der vielen Bullshitter, auf die Frage wahr oder falsch zu scheißen, hat das Vertrauensfundament eines breiten Geflechts linker Gruppen viel tiefer und raumgreifender zerstört.  

Der nächste Vertrauensverlust: die Lüge bricht konsequenzlos zusammen
 

Es tauchen immer mehr Unstimmigkeiten in den Vorwürfen gegen den vermeintlichen “Täter” auf. Der Lügenbaron der Düsseldorfer IL versucht mit immer unglaubwürdigeren Nebelkampagnen die “Betroffene” und sich selbst aus der Schusslinie verstörter Rückfragen zu nehmen. Mittlerweile soll gar der Verfassungsschutz die entscheidenden mails gefälscht haben – so die schamlose Notlüge aus Düsseldorf. Innerhalb der IL bekommt das Lügenkonstrukt zu starke Risse, als die IL-interne Untersuchungsgruppe nicht wie vereinbart die Festplatte des Fälschers ausgehändigt bekommt und unverrichteter Dinge nach Hause geschickt wird.

Die Lüge stürzt in sich zusammen – und es passiert: nichts. Ein untrügerisches Zeichen für das bereits erlangte Bullshit-Niveau, also die bereits vorhandene Ignoranz (der gesamten Linken) gegenüber dem Wahrheitsgehalt der Vorwürfe gegen den vermeintlichen “Täter”. Noch über ein Jahr lang hält die Bullshit-Mauer des blinden “Zusammenstehens” gegen äußere Bedenken – ohne Rücksicht auf Verluste. Dann wird ein Kipppunkt erreicht, dessen Dynamik charakteristisch ist für den wirbellosen Wunsch “auf der richtigen Seite zu stehen”: (Fast) Alle wechseln nun die Seite und “glauben” den Unterstellungen gegenüber dem “Täter”, die zum outing führten, nicht mehr. Doch es passiert nichts! Keine Verantwortungsübernahme gegenüber dem falsch beschuldigten “Täter”, keine Rücknahme der Vorwürfe des Täterschutzes gegenüber den Recherchegruppen – gar nichts.

Zementierte Ungerechtigkeit statt transformativer Gerechtigkeit
 

Die Ignoranz ist maßlos. Bei Rückfrage an diejenigen, die das Outing zuvor verteidigt hatten, bekommen wir zu hören, diese hätten “schon lange” nicht mehr an die Vorwürfe geglaubt. Nicht wenige begegnen uns mit der Lüge: “War mir von Anfang an klar, dass da was nicht stimmte (…)”  Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2025 und die taz hat das haltlose Outing zurückgenommen. Dem AZ Köln ist es egal, dass die Geschichte komplett falsch ist – das Hausverbot gegen den “Täter” bleibt bestehen. Jede geht so auf ihre eigene, unaufrichtige Art mit der “neuen Mehrheits-Wahrheit” um. Es scheint belanglos zu sein – ganz wie es sich der Bullshitter wünscht.

Wir reden sehr gern von den Chancent transformativer Gerechtigkeit. Und tatsächlich sehen wir als Gruppe darin wertvolle Möglichkeiten: Wie hätte eine konstruktive Auseinandersetzung der Zweifelnden mit den Unterstützer*innen der vermeintlich Betroffenen und der IL aussehen können, bevor diese eine Entscheidung für oder gegen das folgenschwere Outing trifft?

Die IL bekommt nicht einmal einen Ausgleich im Sinne restaurativer Gerechtigkeit auf die Kette. Das ist die bittere Realität. Eine Aufarbeitung des Outing-Desasters (mit dem Rest der Szene) wird es von Seiten der IL nicht geben. Intern blockieren einige Gruppen eine ’echte’ Verantwortungsübernahme. Die IL hat ihre Glaubwürdigkeit komplett verspielt und muss damit für politisch tot erklärt werden.

Auch Linke können Verschwörung
 

‘Schwurbelnde’ Verschwörung ordnen wir häufig vorschnell allein dem rechten Lager zu. Da werden komplexe Zusammenhänge so holzschnittartig vereinfacht, dass jeder Realitätsbezug auf der Strecke bleibt. Ziel dieser Reduktion ist eine zuspitzende Polarisierung und der Rückzug auf vermeintlich immer schon gültige, simplifizierte Gewissheiten. Das Sagbarkeitsfeld im öffentlichen Diskurs zerfällt auf einen engen Nahbereich um wenige Pole. Das ist die Zeit der Populisten, in der sich Wirklichkeit leicht reduzieren und verklären lässt.

Bei Linken besteht Verschwörung häufig nicht in der Vereinfachung sondern in überkomplexer Tatsachenverklärung durch die Einführung künstlicher Unschärfe. Man tut so, als seien die Umstände, die es zu bewerten gilt, beliebig komplex: “Die ‘Wahrheit’ über den Fall wird voraussichtlich verborgen bleiben. Das müssen wir uns eingestehen und von da ausgehend über nächste Schritte sprechen” (IL Köln).

Ein weiteres Beispiel: ein feministischer Zusammenhang aus Köln probierte in diesem Kontext die strukturelle Veruneindeutigung persönlicher Verantwortung: “Wir leben alle im Patriarchat - und (Neo-)Kolonialismus und Kapitalismus – niemand ist auf der richtigen Seite, denn es gibt keine richtige Seite. Wer allzu schnell fordert, man solle jetzt mit diesen oder jenen nicht mehr sprechen, macht es sich selber und der Eigengruppe immer schwieriger, Gewalt in den eigenen Reihen zu erkennen und auch zu benennen.” (drf)

Wenn wir Geschehnisse für “nicht mehr aufklärbar” deklarieren oder gar die Existenz von wahr und falsch negieren, konservieren wir darüber die zuvor erzielte Verunsicherung. Die Suche nach Wirklichkeit wird willentlich für beendet erklärt – die Geschehnisse darüber ‘verklärt’. Auf dieser nebligen Basis ’nächste Schritte’ zu besprechen, kommt selbstverständlich sowohl dem engeren Kreis der Lügner*innen in der IL, als auch den Bullshittern (innerhalb und außerhalb der IL) entgegen.

So absurd und durchsichtig das Manöver hier auch klingen mag; es ist deshalb nicht weniger wirkmächtig. Das Zersetzen von Wirklichkeit, das Degradieren von Tatsachenwahrheiten zu bloßen Meinungen, die vermeintliche Ununterscheidbarkeit von wahr und falsch – all das, was hier über 2,5 Jahre lang zum Einsatz kam, ist uns hinlänglich bekannt als essenzieller Bestandteil eines rechten Kulturkampfes. Es reicht völlig, wenn etwas wahr klingt, also rhetorisch passende Worthülsen verwendet. Wirklichkeit wird zur Macht- und Verhandlungssache und kann damit geleugnet werden. Doch ein machtvoll bis leichtfertig herbeigeführter ‘Konsens’ ist noch lange keine Wahrheit – es wäre politisch fatal, wenn wir Autoritäre, Rechtspopulisten und Nazis auch noch bei der Normalisierung von Bullshit unterstützten.

Eine Szene, in der die Mehrheit einfach ’auf-der-vermeintlich-richtigen-Seite-stehen’ möchte und absolut unsinnige Positionen vermeintlich linker Gerechtigkeitsvorstellungen mit einem feinen Gespür für die Macht des Mainstreams konformistisch abnickt, ist Ausdruck einer autoritären Deformation unserer derzeitigen Linken.

“Im Zweifel für den Zweifel, das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fürs Zerreissen der eigenen Uniform”

radikaler zweifel
März 2025

Wer sich über den Hergang des IL-Outings und die Enttarnung des folgenschweren Lügenkonstrukts informieren möchte:

- Sep 22:  https://tumulte.org/2022/09/articles/radikaler-zweifel/
- Mrz 23:  https://tumulte.org/2023/03/articles/unziviler-gehorsam-postfaktische-entwicklungen-bei-der-il/ 
- Jul 23:  https://tumulte.org/2023/06/articles/il-outing-skandal-vorletzter-akt/ 
- Sep 23:  https://tumulte.org/2023/09/articles/not-truth-no-justice-no-peace/