15.07.2023: Wanderung zur NS-Kultstätte "Stedingsehre"



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Jenseits öffentlichkeitswirksamer Demonstrationen, alltäglicher Drohgebärden, Gewalt- und Raumaneignungspraktiken findet neonazistische Identitätsbildung auch im Verborgenen statt. Wie am vergangenen Wochenende bei einer Wanderung im Bremer Umland. Hier wurden bereits Kleinkinder neonazistischen Handlungsangeboten unterworfen. Neben Teilnehmenden aus den Strukturen der NPD, der Jungen Nationaldemokraten (JN) und des III. Weges nahm auch ein Mitarbeiter der AfD-Bundestagsfraktion an der Wanderung zu einer ehemaligen NS-Kultstätte teil.

Am 15. Juli 2023 führten Neonazis eine Wanderung zur NS-Kultstätte “Stedingsehre” im Bremer Umland durch. Die Teilnehmenden konnten verschiedenen Strukturen der Neonaziszene zugeordnet werden, darunter “Die Heimat”/NPD, deren Jugendorganisation “Junge Nationalisten”, der Splitterpartei “Der III.Weg” sowie parteiunabhängigen Neonazigruppen. Auch ein Mitglied der neonazistischen “Denkfabrik” Metapol sowie ein Mitarbeiter der AfD-Bundestagsfraktion waren zugegen.

Die Anwesenheit der insgesamt 33 Teilnehmenden blieb nicht unbemerkt. Bereits beim Start der Wanderung im Bundesland Bremen gab es zahlreiche Sichtungen der Gruppe. Insbesondere die Anwesenheit des überregional bekannten Mario Müller, der lange Zeit insbesondere bei der sogenannten “Identitären Bewegung” in Erscheinung trat, zog die Aufmerksamkeit auf sich.

Der Weg der Gruppe begann in Bremen und führte dann ins niedersächsische Umland. Ein Zwischenstop wurde am sogenannten “St.-Veit-Denkmal” in Altenesch bei Lemwerder eingelegt. Das Denkmal nimmt Bezug auf den Stedinger Krieg - einen Kreuzzug des Erzbistums Bremen gegen die Bewohner:innen des Landes Stedingen in den Jahren 1233 und 1234. Zur Zeit des NS-Regimes wurde das Schicksal der Stedinger für die eigenen Zwecke instrumentalisiert. Wenige Kilometer entfernt, in dem zur Gemeinde Ganderkesee gehörenden Ortsteil Bookholzberg, errichtete das NS-Regime auch die NS-Kultstätte “Stedingsehre”.

Auffällig bei den Teilnehmenden war der Umstand, dass es sich zum Teil um langjährige Kader und Führungspersonen der Szene handelte, die sich in den letzten Jahren weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurückzogen. Dies ist Teil einer Stragie, um abseits von staatlicher Repression und zivilgesellschaftlichem Druck weiterhin als fester Bestandteil der Strukturen agieren zu können.

Am Aufbau des Images eines vermeintlichen Rückzugs aus der Neonazi-Szene arbeitet auch Mario Müller. Der langjährige Neonazi-Kader und zuletzt bei der “Identitären Bewegung” aktive Müller versucht sich seit einigen Jahren am Aufbau eines “gemäßigteren” Auftretens - insbesondere um seine Karrieremöglichkeiten zu befördern. Dass dieses nach außen getragene Bild reine Augenwischerei ist, zeigt nicht zuletzt seine Teilnahme an dieser Wanderung von Neonazis, mit denen er weiterhin fest verbunden ist. Solche Veranstaltungen, an denen sich unter anderem Mario Müller beteiligte, dienen den neonazistischen Strukturen vor allem zum Aufbau und der Stärkung von Netzwerken. Sie dienen zur Festigung der neonazistischen Weltanschauung und der Stabilisierung der damit einhergehenden Identitäten. Auch das Ziel der Wanderung, die “Stedingsehre”, steht in diesem Zusammenhang. Damit wird eine ideologische Brücke zum historischen Nationalsozialismus geschlagen und pathetisch aufgeladen.

Diese ideologische Aufladung der Veranstaltung dürfte einer der Gründe sein, warum sie sich einer so großen Beliebtheit erfreute. Die Teilnehmenden und zum Teil langjährigen Neonazis kamen aus mehreren Bundesländern. Dazu gehörte auch der ehemalige JN-Bundesvorsitzende Sebastian Richter.

An der Wanderung nahmen auch insgesamt sechs (6) Kinder teil. Diese wurden ebenfalls in das weltanschauliche Programm der Wanderung eingebunden. An Rastplätzen wurden den Kindern neonazistische Propaganda-Aufkleber ausgehändigt, die diese in der Umgebung verklebten. Die Kinder neonazistischer Eltern werden nicht nur bei Wanderungen einer neonazistischen Ideologie unterworfen. Die Szene führt eine ganze Reihe von entsprechenden Veranstaltungen, Feiern und Festen durch, beispielsweise das sogenannte Ernte-Dank-Fest im Jahr 2020 im niedersächsischen Eschede.

Ebenfalls vor Ort: der langjährige Neonazi-Kader Henrik Ostendorf aus Bremen. Auch der Bremer Neonazi Martin B. war bei der Wanderung vor Ort. Dieser bewegte sich in den letzten Jahren vor allem in den Strukturen der Splitterpartei “Die Rechte” und wird jenen Strukturen zugerechnet, aus deren Mitte mutmaßlich diejenigen stammen, welche den Brandanschlag auf das Jugend- und Kulturzentrum “Die Friese” in Bremen im Februar 2020 verübt haben. Ein Gerichtsprozess steht noch aus. Der Versuch von Martin B., sich in den letzten Jahren aus der Öffentlichkeit weitestgehend zurückzuziehen, gelang nur zum Teil.

Der Bundestags-Mitarbeiter Mario Müller fühlte sich in der Gemeinschaft sichtlich wohl und war ein zentraler Bestandteil der Gruppendynamik. Es wurde viel über die Vergangenheit gescherzt und Absprachen für zuküftige Pläne getroffen.

Ziel der Wanderung war die “Stedingsehre” in Bookholzberg. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits einige der Teilnehmenden von der Gruppe abgesetzt. Diese hatten unter anderem die Aufgabe, mit Fahrzeugen zum Zielort zu kommen, um von dort aus zu shutteln.

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